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Bischof Kräutler rechnet mit Lula ab

Belo Monte. Mit harten Worten hat der Bischof von Xingu, Erwin Kräutler, ein Fazit der Regierungszeit des scheidenden Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva gezogen. "Lula wird uns in Erinnerung bleiben als der Präsident der den indigenen Völkern des Xingu-Flusses ein Ende bereitet hat." In einem vom Indianer-Missionsrat der katholischen Kirche, CIMI, veröffentlichten Interview äußert sich Kräutler, der gleichzeitig Präsident des CIMI ist, über die seiner Ansicht nach rücksichtslose Vorgehensweise der Regierung in Brasilia bei der Durchsetzung des Megastaudammes Belo Monte, der die Existenz der Indios vom Xingu-Fluss im Amazonasgebiet in Frage stellt. Sollte das Projekt tatsächlich durchgeführt werden, so würden die Indigenen ihre Gebiete am Xingu-Fluss verlieren und nicht überleben können, so Kräutler.

"Derjenige, der den Startschuss zu dieser Monstrosität gegeben hat, wird vor der Geschichte Brasiliens und der Welt verantwortlich sein für den Tod dieser Völker," so Bischof Kräutler. Der Bau des drittgrößten Staudammes der Welt wird nach Berechnungen der Regierung gut 500 Quadratkilometer Urwald überfluten. Gleichzeitig legt er weite Teile des Xingu-Flusses trocken und entzieht damit nach Ansicht von Kritikern den dort lebenden Indios ihre Existenzgrundlage. Das gut 8,5 Milliarden Euro teure Projekt, das 2015 ans Netz gehen soll, ist eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der Regierung von Präsident Lula da Silva, der sich persönlich für den Bau des Dammes eingesetzt hat. CIMI setzt sich seit Jahren für einen Stopp des umstrittenen Projektes ein.

Bischof Kräutler äußerte sich ebenfalls zu der anhaltenden Gewalt von Seiten weißer Landbesitzer und Großunternehmen gegen die indigene Bevölkerung. "Es ist besonders wichtig zu hinterfragen, was hinter der Gewalt steckt. Und da ist es stets die Frage des Landbesitzes, beziehungsweise des Mangels an Land, auf der die Gewalt gegen die Ureinwohner beruht." Gegen die Gewalt zu arbeiten, heißt stets die von der Verfassung garantierten Rechte der indigenen Völker auf ihr eigenes Land, auf ihre eigene Kultur und ihre eigene Lebensweise zu verteidigen, so Kräutler. Die vor allem im Norden und Zentral-Westen Brasiliens konzentrierten Indigenen-Gebiete sehen sich immer stärker von der vordringenden Landwirtschaft und den sich intensivierenden Aktivitäten großer Rohstoffkonzerne bedroht, die selbst vor rechtlich geschütztem Land nicht Halt machen würden.

Für den CIMI-Präsident ist die Zusammenarbeit mit der zuständigen Indigenenbehörde FUNAI, die eigens zum Schutz der bedrohten Völker ins Leben gerufen worden war, besonders "kompliziert". "Die FUNAI ist ein ausführendes Organ der Bundesregierung und hat keine eigene Philosophie, sondern übernimmt stets die des gerade im Amt befindlichen Präsidenten. Ist es im Sinne der Regierung die Indigenen zu retten, bemüht sich die FUNAI dies umzusetzen. Wenn nicht, hoffen sie im Grunde dass die indigenen Völker einfach verschwinden mögen," so der Bischof. Für CIMI gehe es nicht darum Sonderrechte durchzusetzen, sondern lediglich die von der 1988 verabschiedeten Verfassung garantierten Rechte einzufordern.

Im Hinblick auf die im Oktober stattfindenden Wahlen, in denen der Nachfolger von Präsident Lula da Silva gewählt wird, äußerte sich Kräutler wenig optimistisch. So würden die am aussichtsreichsten im Rennen liegenden Kandidaten die Indigenenfrage vollkommen ausklammern, da damit keine Stimmen zu gewinnen seien. Trotzdem will sich der Bischof nicht entmutigen lassen. "Unser Kampf wird weitergehen." Optimistisch stimme ihn das wachsende Selbstbewußtsein der indigenen Völker, die sich endlich ihrer Haut wehren würden. "Sie, die stets getreten wurden, erheben ihre Köpfe und erkennen dass sie Kinder dieses Landes, dieser Erde sind. Und niemand kann ihnen dies nehmen."

Autor: Thomas Milz