Kolumbien |

Bericht des Grauens

Vor wenigen Tagen hat die Kolumbianische Vereinigung gegen Folter ihren Bericht mit Daten bis 2010 veröffentlicht. Auf 72 Seiten wird dokumentiert, dass der Staat zu wenig tut, um ein Rechtsstaat zu sein. Im Zeitraum 2001 bis 2009 starben in Kolumbien 1.148 Menschen durch Folter.

Am 18. August veröffentlichte die Kolumbianische Koalition gegen Folter ihren Bericht für die Jahre 2009 und 2010. Auf 72 Seiten dokumentiert das Bündnis aus nationalen und internationalen Anwaltskollektiven und Nichtregierungsorganisationen die Bandbreite von Gewalt und Folter in dem südamerikanischen Land: außergerichtliche Hinrichtungen, gewaltsames Verschwindenlassen, das direkt den staatlichen Organen zugeordnet werden kann, gewaltsame Vertreibungen und die gewaltsame Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen sowie sexuelle Gewalt gegen Minderjährige.

Staat immer häufiger beteiligt

Laut Bericht wurden zwischen Juli 2001 und Juli 2009 insgesamt 1.834 Menschen gefoltert. 1.148 Personen wurden dabei umgebracht, 422 überlebten und 264 Menschen mussten psychologische Folter erdulden.

Besonders besorgt sind die Autoren der Studie über die immer häufiger werdenden Fälle, bei denen der Staat an den Verbrechen beteiligt ist. Bei 1.350 Fällen sind die Folterer bekannt ‒ in 90 Prozent davon folterte der Staat oder ließ foltern: Bei 41 Prozent der Fälle waren Mitglieder von Polizei oder Armee direkt beteiligt, in fast 49 Prozent der Fälle wurde Folter durch Paramilitärs entweder toleriert oder nicht verfolgt.

Die Folteropfer waren zumeist Männer. Von den 1.561 Fällen, wo das Geschlecht der Folteropfer bekannt ist, waren 200 Opfer weiblich. Das entspricht etwa 15 Prozent. Bei 610 Fällen ist das Alter der Opfer bekannt: Davon waren 172 Folteropfer Kinder, 179 Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren und nur 10 Erwachsene.

Zahl der Verschwundenen nimmt zu

Im selben Zeitraum registrierte die Kolumbianische Juristenkommission (CCJ) 1.847 Fälle außergerichtlicher Hinrichtungen durch das Militär. 187 Personen wurden vor ihrer Ermordung verschleppt, bis heute gelten noch 297 Menschen als vermisst. Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) hat im vergangenen Jahr fünf Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen durch das Militär angezeigt.

Der Bericht zitiert das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, wonach in Kolumbien bis 2010 insgesamt 51.310 Menschen als vermisst gelten ‒ davon gelten 12.635 Fälle als gewaltsames Verschwindenlassen.

280.000 Menschen gewaltsam vertrieben

Auch die gewaltsame Vertreibung wird als großes Problem angesehen, das mit dem internen bewaffneten Konflikt in Verbindung steht, ebenso mit der gewaltsamen Rekrutierung von Kindern, Geiselnahmen und anderen Gewalttaten. Allein im Jahr 2009 sind nach Angaben der Studie 280.000 Menschen gewaltsam vertrieben worden.

Von 2001 bis 2009 sind mindestens 118 Fälle von sexueller Gewalt in Verbindung mit dem bewaffneten Konflikt dokumentiert. Mehr als hundert Frauen wurden missbraucht, um diese Taten im Konflikt einzusetzen. Dokumentiert sind auch die Fälle von sechs Männern. Bei einem Opfer ist das Geschlecht nicht bekannt.

Kommission fordert Ende der Staffreiheit

Neben der Dokumentation des Datenmaterials übt die Kommission gegen die Folter scharfe Kritik am kolumbianischen Staat. Dieser ergreife keinerlei Maßnahmen der Prävention oder der Strafverfolgung, um der Straffreiheit Einhalt zu gebieten.

Die Kommission weist darauf hin, dass Kolumbien die Empfehlungen des UN-Komitees gegen Folter nicht umgesetzt hat. Darin ging es um die Menschenrechte von Häftlingen und die anhaltende Straffreiheit bei Fällen von Folter in den kolumbianischen Haftanstalten sowie die Unterzeichnung des Fakultativen Protokolls der Konvention. Auch einem Urteil des Verfassungsgerichts zu Sexualverbrechen wurde bisher nicht Folge geleistet.

Autorin: Camila Queiroz in Adital; Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer