Chile |

Beben bringt Versäumnisse im Musterland Südamerikas an den Tag

Im ersten Moment schienen die Chilenen die Katastrophe im Griff zu haben. Ausländische Hilfe sei nicht vonnöten, ebenso wenig eine Tsunami-Warnung, die chilenischen Behörden hätten alles im Griff, verlautbarte die Regierung des südamerikanischen Landes, das seit Januar Mitglied der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) ist. Doch drei Tage nach dem schweren Beben musste die Regierung zurückrudern. Versäumnisse der Marine wurden eingeräumt, die nicht rechtzeitig die Küstenregionen vor dem Tsunami warnte. Wegen logistischer Probleme kam die Hilfe bei den über zwei Millionen Betroffenen nicht überall rechtzeitig an.

Insgesamt leben 15 Millionen Menschen in Chile. Einige Regionen waren noch am Montag von der Außenwelt abgeschnitten. Zahlreiche Nachbeben verängstigten die Bevölkerung. Es kam zu Plünderungen, in der besonders nahe am Epizentrum gelegenen Stadt Concepción wurde ein Supermarkt ausgeräumt und angezündet. Der Regierung drohte die Kontrolle zu entgleiten, sie musste den Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre in den beiden besonders betroffenen Gebieten Maule und Bio-Bio verhängen.

Die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet hatte offenbar das Ausmass der Katastrophe falsch eingeschätzt. “24 Stunden ist viel Zeit für jemand, der unter den Trümmern liegt. Ich glaube, die Regierung in Santiago hat unser Problem unterschätzt”, sagte die Bürgermeisterin von Concepción, Jacqueline Van Rysselberghe. “Hier ist noch kein Helfer aufgetaucht, nur Journalisten”, sagte ein Anwohner des Küstenortes Pelluhue. “Wir haben kein Wasser, kein Essen, keinen Strom und wissen auch nicht, wie es im Rest des Landes aussieht.” Die zuerst abgelehnte Hilfe wurde am Montag dann doch noch bei der UNO angefordert. Insbesondere Feldlazarette, Ponton-Brücken, Feldküchen, Generatoren, Wasseraufbereitungsanlagen und Kommunikationstechnologie werden nach Angaben der Regierung benötigt. Am Dienstag wollte US-Präsidentin Hillary Clinton Satellitentelefone nach Chile bringen.

Die viel gepriesene, erdbebensichere Bauweise – mit Eisenstangen durchsetzter Beton - war offenbar nicht überall richtig umgesetzt worden oder weniger resistent als gedacht. Zwar fielen vor allem ältere Häuser unter den Erdstössen zusammen, doch auch ein paar neue Wohnblocks klappten in sich zusammen, darunter ein 14-stöckiges Wohnhaus in der Stadt Concepción, das erst 2009 fertiggestellt worden war. Das wirft die Frage nach Schlamperei auf – wenngleich Chile im lateinamerikanischen Vergleich als wenig korrupt gilt und die Chilenen wegen ihrer Gründlichkeit oft als die “Deutschen Lateinamerikas” bezeichnet werden.

Die Mehrzahl der über 700 Opfer kam jedoch durch die hohen Wellen ums Leben, die das Beben auslöste und die ganze Küstenstreifen vernichteten, etwa den Ort Talcahuana.” Das Erdbeben war nicht so schlimm, aber die Welle, die dann alles zerstörte”, sagte der 61jährige Luis Vidal aus dem Küstenort Iloca der Presse. In Iloca warnte die Polizei nach dem Beben intuitiv und eigenständig die Bevölkerung, die Strandhütten zu verlassen. Doch nicht allen gelang die Flucht in höhergelegene Gebiete. An anderen Orten gab es gar keine Warnung.

Chile, das wegen seiner Stabilität und seines konstanten Wirtschaftsaufschwungs gerne als Musterland gepriesen wird, offenbarte Schwächen. “Uns fehlt es an Experten, an Krisenplänen und einer funktionierenden Kommunikation zwischen den beteiligten Stellen”, kritisierte der Geologe Jaime Campos von der Universität von Chile gegenüber der Nachrichtenagentur ips. Chile sei stark von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis betroffen und müsse deshalb längst über satellitengestützte Warnsysteme verfügen. Die Direktorin der staatlichen Behörde für Notfälle, Carmen Fernandez, räumte ein, Chile besitze noch keine ausreichende Tsunami-Erfahrung. Hinzu kamen politische Ränkespiele zwischen der linken Bachelet und dem konservativen Wahlsieger Sebastián Piñera, der in zwei Wochen die Amtsgeschäfte übernimmt. Er bereiste auf eigene Faust das Land und äußerte unterschwellig Kritik an Bachelet, während die Regierung jegliche Beteiligung des Nachfolgeteams am Krisenstab ablehnte.

Zwischen 15 und 30 Milliarden Dollar oder zehn bis 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wurden ersten Schätzungen von ökonomen zufolge durch die zwei Minuten lang wackelnde Erde vernichtet: öffentliche Infrastruktur, Geschäfte, Fabriken, Wohnhäuser. In der Erdbebenregion stürzten nach Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation sechs Krankenhäuser ein, zwei weitere seien schwer beschädigt. Die beiden staatlichen Raffinerien mussten vorübergehend abgeschaltet werden, das wichtigste Stahlwerk war schwer beschädigt. Die von Nord nach Süd verlaufende Panamericana-Strasse, die das Rückgrat des langgezogenen Landes bildet, war an mehreren Stellen unterbrochen. Das Beben kam zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Chile verzeichnete 2009 erstmals seit einem Jahrzehnt eine Rezession. Für 2010 waren die Prognosen wieder etwas besser gewesen. Die betroffene Region südlich der Hauptstadt von Santiago ist zwar vor allem landwirtschaftlich geprägt und erwirtschaftet weniger als ein Viertel des BIP, aber die Schäden an der Infrastruktur sind enorm. Noch nicht absehbar waren die Folgen für den Tourismus – ein weiteres Standbein der Wirtschaft.

Autorin: Sandra Weiss