Guatemala |

Baden auf eigene Gefahr

Guatemaltekische Indigene sind Leidtragende der zunehmenden Verschmutzung des Atitlán-Sees, der 50 Kilometer westlich der berühmten Kolonialstadt Antigua liegt. Das normalerweise reine Wasser ist von einer dicken schmutzigen Schaumschicht bedeckt. Mit einer Tiefe von rund 350 Metern handelt es sich um den tiefsten See Mittelamerikas. Der Atitlán ist vulkanischen Ursprungs und für seine beeindruckende Schönheit bekannt. Entlang seines Ufers siedeln Indigene in zahlreichen Gemeinden. Hier überwiegt die Maya-Kultur.

Schädliche Düngemittel

Als der Schaum im Oktober 2009 erstmals auftauchte, entnahmen Wissenschaftler Wasserproben und machten einen Mikroorganismus als Verursacher der Verschmutzung ausfindig. Dieser hat sich in den vergangenen Jahren rasant über den See ausgebreitet. Die faserige Masse treibt vom Boden des Gewässers an die Wasseroberfläche.

Bereits seit 1976 untersucht die Biologin Margaret Dix den Atitlán-See. Sie erklärt, dass die Bakterien Folge des erhöhten Gehalts von Phosphor und Stickstoff im Wasser seien. Diese stammten aus den Düngemitteln, die beim Kaffeeanbau im Einzugsgebiet des Sees verwendet würden. Weitere gedüngte Agrarprodukte seien Mais, Zwiebeln, Gurken oder Tomaten. Die Düngemittel sickern zu einem großen Teil in den See, der über keinen Abfluss verfügt.

Ungeklärte Abwässer

Verschärfend kommt hinzu, dass sich die Temperatur im Atitlán-See infolge der globalen Erwärmung erhöht und ständig ungeklärte Abwässer eingeleitet werden.

ökologisch problematisch war aber auch die Aussetzung nicht-einheimischer Fischarten ab dem Jahr 1958. Diese passten sich ihrem neuen Lebensraum sehr schnell an und fraßen Fischarten, die sich von Pflanzen ernährten und somit dazu beigetragen hatten, den See rein zu halten.

Biologin Dix bezeichnet die Mikroorganismen nicht als Ursache des Problems, sondern als Symptom: So wie das Fieber das Symptom einer Infektion im Körper des Menschen sei. Die wahre „Krankheit“ des Atitlán stelle die Verschmutzung dar. Diese übertreffe längst das Vermögen des Sees, sie zu bekämpfen und sich wieder zu erholen. Das Beunruhigende sei vor allem, dass der identifizierte Mikroorganismus nirgendwo sonst auf der Welt zu ähnlichen Folgen geführt habe. Hier müssten verstärkte Forschungsanstrengungen unternommen werden.

Baden verboten

Unterdessen haben die indigenen Anwohner des Atitlán-Sees die Folgen des Umweltdesasters zu tragen. Joel Francisco Mendoza, der Bürgermeister von San Pedro La Laguna, nennt als Hauptproblem das Auffinden alternativer Wasserquellen. Inzwischen ist auch das Baden in dem See verboten, aus dem früher getrunken wurde.

Die Region musste ohnehin in letzter Zeit mehrere Schläge verkraften, die zu einem Rückgang des Tourismus geführt haben - traditionell eine wichtige Einnahmequelle. So gab es mehrere Mordfälle in der Gegend und Abschnitte der Panamericana musste infolge von Tropenstürmen geschlossen werden, die Todesopfer gefordert hatten. Der Bootsführer Juan Santiago, ein Angehöriger der Maya-Kaqchikel, blickt traurig auf die lange Reihe am Ufer liegender Boote: „Wir wissen nicht, was wir mit dem See machen sollen.“ Und im Ort Santiago Atitlán warten die Händler auf dem Kunstgewerbemarkt vergeblich auf Kundschaft. Doch die indigenen Gemeinden rund um den Atitlán-See haben sich schnell organisiert, um den ihnen heiligen See zu beschützen. Vom Atitlán hängt schließlich auch ihr eigenes Überleben ab.

Autorin: Louisa Reynolds für Noticias Aliadas in Adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel