Brasilien, Bolivien |

Ausverkauf im Grenzgebiet

In Brasiléia gibt es keine Spielzeuggeschäfte und keine Elektronikmärkte. Um solche Waren zu kaufen, fahren die Einwohner der kleinen Stadt im nordbrasilianischen Amazonas-Bundesstaat Acre ins benachbarte Bolivien. Die Grenzstadt Cobija ist ein attraktives Ziel, weil man dort steuerfrei einkaufen kann.

Für die brasilianischen Grenzstädte ist die Freihandelszone im äußersten Nordosten Boliviens alles andere als ein Segen. Aufgrund der übermächtigen Konkurrenz in Cobija können sich Geschäfte in Brasiléia und dem benachbarten Epitaciolândia kaum am Leben halten. Die drei Städte sind durch zwei Brücken über den Grenzfluss Acre miteinander verbunden und somit für alle gut erreichbar.

"Wir werden durch unlauteren Wettbewerb geschädigt", beklagte sich der Vorsitzende der Händlervereinigung von Brasiléia, Aparecido Satumilho. "Hier kostet ein Fernseher doppelt so viel wie drüben." Selbst Produkte, die in Brasilien hergestellt würden, seien in der bolivianischen Freihandelszone günstiger zu haben.

Obwohl in Cobija auch Kleidung und Schuhe zu Dumpingpreisen verkauft werden, führt Satumilho sein Textilgeschäft Brasiléia weiter. "Ich bin sehr hartnäckig", meint der Ladenbesitzer, der miterleben musste, wie ihm die Kunden scharenweise davonliefen. Satumilho ist aber auch davon überzeugt, dass sich die Bolivianer eher auf Branchen konzentrieren, die mehr Gewinn abwerfen als der Textilhandel.

Satumilho forderte die Regierung seines Landes auf, gemäß einem Gesetz von 1994 auch in Brasiléia den steuerfreien Handel zuzulassen. Auch die Stadt Cruzeiro do Sul, der im Westen Acre an der Grenze zu Peru liegt, sollte von dieser Regelung profitieren, sagte er.

Wareneinfuhr aus Cobija wird nicht kontrolliert

Beide Städte genießen bereits gewisse Steuervorteile beim Import und der industriellen Fertigung von Produkten. Die lokalen Händler hatten davon bisher aber nichts. Laut Satumilho verhindern zudem andere Steuern, dass Geschäftsinhaber in Brasiléia der Konkurrenz von auswärts standhalten könnten.

Der Freihandel in Cobija wurde 1983 eingeführt und 1998 für weitere 20 Jahre verlängert. Kunden dürfen mit Waren im Wert von bis zu umgerechnet 1.000 US-Dollar die Grenze überschreiten.

An der 154 Meter langen Brücke zwischen Cobija und Brasiléia gibt es bisher aber weder Zollstationen noch Polizeiwachen, die die Einfuhr von Waren nach Brasilien kontrollieren. Auf bolivianischer Seite befinden sich zwei Kasernen, in denen das Militär in erster Linie über die Sicherheit im Grenzgebiet wacht.

99 Prozent der Kunden Brasilianer

Der regelmäßige Einsatz von schätzungsweise 4.000 Motorradtaxis dies- und jenseits des Acre-Flusses zeigt, wie viele Kauflustige jeden Tag über die Grenze nach Cobijo kommen. "99 Prozent der Kunden sind Brasilianer", bestätigte die Bolivianerin Candela Coimbra, die seit vier Jahren Laptops, Digitalkameras und elektronisches Zubehör verkauft. Die Waren kämen alle aus China, den USA und Chile, aus Brasilien sein nichts dabei.

Cobija hat unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 27.000 und 47.000 Einwohner. Die Stadt ist allerdings nicht erst durch den Freihandel gewachsen. Laut Coimbra zog die Kautschuk- und Holzproduktion bereits früher zahlreiche Menschen an.

Von dem jüngsten Handelsboom hätten die Einheimischen eher weniger profitiert, meinte die 24-Jährige. Die meisten Geschäftsleute seien aus anderen Teilen des Landes gekommen. Coimbra selbst stammt aus der florierenden Wirtschaftsregion Santa Cruz de la Sierra im Zentrum Boliviens.

Mehr Jobs

Die Lage der Bevölkerung von Cobija verbesserte sich allerdings durch das größere Angebot an Jobs. Wie Coimbra weiter erklärte, sei auch der Ausbau der Autostraße ´Carretera del Pacífico´ für Cobija nicht unwichtig. Die Straße BR-317 soll das peruanische Grenzgebiet mit Acres Hauptstadt Rio Branco verbinden und auch durch Brasiléia führen.

"Unser größter Markt ist Rio Branco", sagte Coimbra über die 240 Kilometer von Brasiléia entfernte Stadt mit rund 300.000 Einwohnern, die häufig in das Dreiländereck kommen, um günstig einzukaufen. Händler wie Elena Oliveira kommen regelmäßig aus Rio Branco, um sich preisgünstig mit Fotoapparaten und Mobiltelefonen einzudecken.

Waren aus São Paulo Konkurrenz für Cobija

Die wirtschaftliche Zukunft der Grenzregion im Amazonas-Urwald, die weit entfernt von den Wirtschaftszentren Brasiliens, Boliviens und Perus liegt, scheint allerdings keineswegs gesichert. Dort wird auch Bergbau und in geringerem Maße Landwirtschaft betrieben. Trotz des Anziehungspunktes Cobija erreicht der Handel bei weitem nicht so große Dimensionen wie im paraguayischen Punta del Este an der Grenze zu Brasilien und Argentinien. Dorthin kommen auch viele Touristen auf der Suche nach Schnäppchen.

Auch die Metropole São Paulo ist eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz für Cobija. Oliveiro fand heraus, dass sie dort noch günstiger Handys kaufen und sie dann zum doppelten Preis in Rio Branco absetzen kann. Auch der Einkauf von Schmuck bei Großhändlern in São Paulo lohnt sich. Die gewieften Geschäftsleute in Rio Branco profitieren davon, dass in der entlegenen Region Acre kaum Sonderangebote auf den Markt kommen. Dafür nimmt Oliveira selbst hohe Kosten für Flüge nach São Paulo auf sich.

Autor: Mario Osava, in IPS Weltblick

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