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Arbeitszeit: täglich acht Stunden. Sozialversicherung: keine

„Sie haben uns gesagt: Wir können es uns nicht leisten, Krankenversicherung für euch zu zahlen. Wenn ihr bereit seid, zu diesen Bedingungen zu arbeiten, dann bleibt, und wenn nicht, dann müsst ihr gehen“, erzählt Anel Rocío Oropeza Reyes im Gespräch mit Cimacnoticias. Sie ist als Textilarbeiterin im Ort Gómez Palacio im Bundesstaat Durango tätig. Ihre Erfahrungen machen deutlich, was es heißt, wenn keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden und gleichzeitig ein Überangebot an Arbeitskräften besteht.

Flérida Guzmán Gallangos, die an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften Flacso (Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales) forscht, erklärt dazu, der Staat selbst sorge dafür, dass „sich die Arbeitsmarktsituation zuspitzt“. Die Armut sei durch die wirtschaftliche Rezession angewachsen. Seit Mexiko den neoliberalen Kurs verfolge, habe der Abbau von Arbeitsplätzen und in Folge auch die Arbeitslosigkeit deutlich zugenommen, so Guzmán Galangos.

Wachstum nur für wenige

Das neoliberale Wirtschaftsmodell basiert auf der Grundidee, dass der wirtschaftliche Zugewinn, der in den Händen der UnternehmerInnen bleibt, der Bevölkerung peu a peu zugute kommt und ihre Lebensqualität steigert. „Dieser Effekt bleibt jedoch aus, wie sich an der wachsenden Armut zweifelsfrei erkennen lässt. Das heißt, es gibt zwar ein Wachstum, jedoch profitieren nur einige wenige davon, und zwar diejenigen, in deren Hände die Gewinne fließen, die Bevölkerungsmehrheit jedoch nicht“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Deshalb sei es keinesfalls ausreichend, dreimal im Jahr in den Medien zu verkünden, wie viele Arbeitsplätze neu geschaffen worden seien. „Es geht darum, an diesem Punkt ehrlich zu sein und zuzugeben, dass es sich dabei um auf drei Monate begrenzte Arbeitsmöglichkeiten handelt, oder um Mini-Jobs mit zwei Wochenstunden“, also um nichts, was die Armut der Bevölkerung senken oder ihre Lebensbedingungen verbessern helfe. Sowas sei kein Ausweg aus der Krise, sondern bestenfalls ein Trostpflaster.

Frauen besonders benachteiligt

Dieses Wirtschaftsmodell, das ohne eine praktikable Arbeitsmarktpolitik operiere, treffe die Frauen besonders hart, da es die Ungleichheit der Geschlechter weiter zuspitze.„Zwar sind sowohl Männer als auch Frauen vom Arbeitsplatzabbau und den sinkenden Löhnen betroffen. Frauen müssen jedoch vielfach länger arbeiten, zum Teil grenzwertige und unwürdige Bedingungen akzeptieren und sich mit einer extrem niedrigen Bezahlung zufriedengeben, um ihren Lebensstandard halbwegs zu halten und nicht noch weiter abzurutschen“, so Flérida Guzmán. Ihrer Ansicht nach gehen das Anwachsen der Armut und das Sinken der Lebensqualität, wovon besonders Frauen und junge Menschen betroffen sind, nicht so sehr auf den Arbeitsplatzmangel zurück, sondern vielmehr auf prekäre Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten.

Ohnmachtsanfälle und gelbe Hände

In solch einer prekären Beschäftigungssituation befindet sich Anel Oropeza. Seit drei Jahren arbeitet sie für Lavex Textil. Da sie und ihre KollegInnen bei der Arbeit in direkten Kontakt mit Kalium kommen, müssen sie ein bis zwei Gläser Milch pro Tag trinken, um die dadurch verursachten Kopfschmerzen und Schwindelanfälle auf einem erträglichen Niveau zu halten. „Ich arbeite noch nicht lange hier und habe eigentlich durchgehend Beschwerden. Sogar an meinen freien Tagen, wenn ich gar nicht mit Kalium in Berührung komme. Meine Kolleginnen, die schon länger hier arbeiten, haben regelmäßig Ohnmachtsanfälle“, erzählt sie beunruhigt. Zum „Auswaschen“ der Jeansstoffe wird Kalium verwendet. „Meine Kolleginnen haben alle schon ganz gelbe Hände, ich nicht, weil ich mir Latexhandschuhe anziehe, solche, die nicht beim Arbeiten stören“, erzählt die Arbeiterin weiter.

Lavex Textil weigert sich nicht nur, die notwendige Arbeitsschutzbekleidung zu stellen. Das Unternehmen untersagt seinen Arbeiterinnen sogar, einen Arzt aufzusuchen. Um dafür eine Erlaubnis zu bekommen, müsse man schon „den Kopf unter dem Arm tragen“, erzählt die 34-jährige Arbeiterin, deren Arbeitszeit um sechs Uhr morgens beginnt und gegen 14:00 endet. Mit durchschnittlich 600 Pesos pro Monat verdient sie etwas mehr als die Arbeiterinnen in anderen Bereichen. Doch bezahlten Urlaub oder Sozialversicherung gibt es für sie nicht.

"Uns bleibt nichts anderes übrig"

Anel hat mit 19 Jahren begonnen, in den verschiedenen Endfertigungs- und Montage-Fabriken, den so genannten Maquiladoras, in Gómez Palacio zu arbeiten. „In den letzten anderthalb Jahren wurden alle zwei Wochen Leute entlassen. Von denen, die mit mir angefangen haben, ist fast die Hälfte nicht mehr da. Wir waren am Anfang 800 Leute und jetzt sind nur etwa 400 übrig geblieben“, sagt sie. Etwa dreiviertel der Arbeitskräfte sind Frauen. „Wo ich wohne, gibt es sehr viele Arbeitslose und die anderen arbeiten meistens unter ziemlich prekären Bedingungen. Uns bleibt aber nichts anderes übrig, als es in unseren Jobs auszuhalten.“ Oropeza Reyes ist Mutter von zwei Kindern. Die ältere Tochter ist 14, die jüngere acht Jahre alt.


Cimacnoticias: Hast du versucht, dir eine andere Arbeit zu suchen?
Orapeza Reyes: Ja, aber das ist ein harter Kampf, denn sie stellen immer höhere Ansprüche an die BewerberInnen. Inzwischen ist es so, dass man mit über 28 schon fast gar keine Chance mehr hat. Wenn ich dann nach Hause komme und bei der Jobsuche wieder mal nichts erreicht habe, gucke ich mir meine Kinder an und denke, ich kann diesen Job nicht aufgeben. Und andererseits denke ich, dass ich überhaupt keine Zeit für sie habe, weil ich soviel arbeiten muss.

Autorin: Guadalupe Cruz Jaimes (cimac) in: Poonal