Mexiko |

Anschreiben gegen die Mauer aus Schweigen

Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder für Journalisten, hat die Organisation Reporter ohne Grenzen in ihrem soeben veröffentlichten Jahresbericht festgestellt. 2011 wurden fünf Journalisten ermordet. Immer häufiger geraten Reporter zwischen die Fronten des Drogenkriegs, eine der gefährlichsten Städte weltweit ist Ciudad Juárez an der Grenze zu El Paso in den USA. Unsere Korrespondentin hat dort die Polizeireporter bei ihrer riskanten Arbeit begleitet.

Jeden Morgen, wenn Lucy Sosa in die Redaktion fährt, blickt sie auf die Bilder von Armando Rodriguez und Luis Carlos Santiago. „Exigimos justicia“ steht über den beiden Fotos, die überlebensgross an der Fassade der Zeitung „El Diario“ in Ciudad Juárez kleben. „Justicia“, ein grosses Wort im Spanischen, Recht und Gerechtigkeit in einem. Darauf warten Sosa und die anderen Journalisten in der nordmexikanischen Grenzstadt seit über zwei Jahren. Die Porträts in rot-schwarz ziehen unwillkürlich die Blicke auf sich in der tristen Landschaft aus Wüste und Beton. Oft nimmt Sosa den Hintereingang, dann muss sie nicht an den Bildern vorbei.

Und doch kommt sie immer wieder hoch, die Erinnerung an den 16. September, als sie die Nachricht erreichte. Es war früher Nachmittag. Sie solle schnell auf den Parkplatz des Einkaufzentrums Rio Grande kommen, ein Attentat. Ein typischer Anruf, wie er mehrmals am Tag in der Redaktion aufschlägt. Ciudad Juárez ist die gefährlichste Stadt der Welt; voriges Jahr starben 191 von 100.000 Einwohnern eines gewaltsamen Todes. Es sind Nachbarn, Bestattungsunternehmer, Polizisten, Kollegen, die die Reporter informieren. „Wir gehen immer überall hin; aus Chronistenpflicht, und weil man nie weiss, wer der Ermordete ist“, sagt Sosa. Es könnten Angestellte des US-Konsulats sein, wie vor ein paar Monaten, oder ein wichtiger Drogenboss. Doch diesmal war es Luis Carlos Santiago, Sosas Kollege, ein Fotograf, gerade einmal 21. Er arbeitete erst seit einigen Monaten für die Zeitung. Lucy war manchmal mit ihm losgezogen. Nun hing sein lebloser Körper auf dem Fahrersitz, die Kamera daneben und den Presseausweis um den Hals.

Einschusslöcher verraten oft Alter und Kartell der Mörder

Wie in Trance registrierte Sosa die Einschusslöcher, befragte die Umstehenden und die Polizisten, stritt mit einem Polizisten um die Kamera, von der sie sich Beweismaterial erhoffte. „Ich war wütend, oft habe ich schon gesehen, wie Polizisten erst einmal die Opfer ausrauben, bevor sie den Tatort sichern“, erinnert sich die 41-Jährige. Seit 19 Jahren ist die kleine Frau mit dem kastanienbrauen Haar und dem wachen Blick Polizeireporterin; sie kann besser Spuren lesen als mancher Ermittler. „Bei den Massakern sieht man oft, wie sich die Einschusslöcher die Wand hochziehen bis zur Decke. Dann waren die Mörder junge Kerle, wie sie meist vom Juárez-Kartell rekrutiert werden. Halbwüchsige, noch nicht stark genug, um den Rückschlag der Maschinenpistolen zu halten.“ Stets befragt sie Nachbarn, sucht nach Augenzeugen, versucht den an den Tatort geeilten Sicherheitskräften Informationen zu entlocken. Manche erteilen bereitwillig Auskunft, andere bedrohen die Journalisten mit erhobener Waffe, versperren mit Einsatzwagen den Blick auf den Tatort. Von der Staatsanwaltschaft, den Behördensprechern, kommt in der Regel keine Information. Sie verschanzen sich hinter einer Mauer des Schweigens.

Schreiben gegen das Vergessen

Sosa bekam die Kamera schliesslich, doch die Fotos zeigten nur hübsch arrangierte Speisen. Luis Carlos hatte am Vormittag einen Fotografiekurs zum Thema Beleuchtung besucht. „Ich habe ihm immer wieder gesagt, er solle aufhören mit dem Journalismus“, schluchzte sein Vater bei dem Begräbnis. „Aber er hat nicht auf mich gehört.“ Sosa schrieb die Nachricht vom Tod ihres Kollegen, so wie sie zwei Jahre zuvor die Nachricht vom Tod Armando Rodriguez vermeldet hatte. Rodriguez, einer der erfahrensten Polizeireporter und ein intimer Kenner der Untergrundszene von Ciudad Juárez, war vor den Augen seiner Tochter erschossen worden, als er sie zur Schule brachte. Er hatte Morddrohungen erhalten, lebte zeitweise auf der sicheren US-Seite der Grenze in El Paso.

Beide Male musst Sosa, die Erfahrenste des Polizeireporterteams, einspringen und über den Tod ihrer Kollegen berichten. Sie verschanzte sich hinter ihrer Professionalität. Die Chroniken des „Diario“ lesen sich wie Gerichtsakten, neutral in aller Brutalität: „Um 10.58 in der Siedlung Los Bosques wurden drei Unbekannte, die in einem Fahrzeug ohne Nummernschild unterwegs waren, von Unbekannten erschossen. Die Attentäter feuerten über 120 Schüsse mit Waffen der Kaliber .40 und .308 ab.“ Der verzweifelte Versuch, anzuschreiben gegen den Tod, das Vergessen. Doch ohne Selbstzensur geht es nicht. Hintergründe? Sosa ahnt oft, welches Kartell dahinter steckt, doch spekulieren wäre lebensgefährlich. Und offizielle Auskünfte gibt es nicht. Die elf Ermittlerteams der Staatsanwaltschaft kommen bei durchschnittlich zehn Morden täglich gerade damit nach, den Tatort zu sichern und die Daten aufzunehmen. Die Akten landen auf unübersichtlich gewordenen Bergen.

Gefährliche Berichterstattung über Drogenkrieg

Bei den spektakulärsten Fällen versucht Sosa nachzuhaken, am Ball zu bleiben. Etwa beim Massaker im Vorort Salvárcar 2010. Dort wurden 16 Jugendliche bei einer Party brutal niedergemetzelt. Allem Anschein nach wurden sie mit einer kriminellen Jugendbande verwechselt. „Diese Geschichte ging mir sehr nahe, ich habe Söhne im gleichen Alter“, sagt sie leise. Es war einer der wenigen Fälle, in dem sie Kollegen um Unterstützung bat. Seither hat sie Alpträume. Präsident Felipe Calderón bezeichnete das Massaker erst als „Abrechnung zwischen Kriminellen“. Die Journalisten wiesen nach, dass die Jugendlichen unschuldig waren, die Eltern protestierten, Calderón entschuldigte sich öffentlich, versprach Aufklärung. Mehrere junge Männer wurden als mutmassliche Täter festgenommen. Die Faktenlage ist dürr. Sie legten ein Geständnis ab, ihre Eltern protestierten, Menschenrechtsorganisationen wiesen Folter nach.

Sosa und ihre Kollegen haben darüber geschrieben. Doch Nachhaken ist mühsam, im überbordenden Alltag bei fünf bis sechs Artikeln am Tag nahezu nicht zu stemmen. Und es ist gefährlich. Die Berichterstattung über den Drogenkrieg ist nicht sehr populär bei den Regierenden. Mehrfach hat Calderón die Journalisten angehalten, doch „Positives“ über Mexiko zu schreiben und nicht immer über Massaker. Das ringt Pedro Torres nur ein sarkastisches Lachen ab. „Wir tun nur unsere Pflicht; derjenige, der diesen Krieg erklärt hat, sind nicht wir sondern der Präsident.“

Überleben um Zeugnis abzulegen

„Ich liebe diesen Job, trotz allem, und das ist jetzt der kritischste Moment überhaupt, ich kann doch nicht einfach kneifen.“ Sie versucht, nicht zu vergessen, führt Tagebuch, notiert penibel jeden Mord. In der Hoffnung, es sei zu irgendetwas nütze. 219 Tote waren es im Januar. 99 Prozent werden nie aufgeklärt. Chihuahua ist rechtsfreier Raum, besonders in Ciudad Juárez, der strategisch wichtigen Drehscheibe an der Grenze, wo 40 Prozent des Kokains für den US-Markt durchgeschleust werden.

Sosa und ihre Kollegen berichten weiter, ziehen mehrmals täglich los in die staubigen Strassen, um über Morde und Exekutionen zu berichten. Sie halten zusammen, gehen gemeinsam, um sich zu schützen. In Ciudad Juárez ist es nicht mehr wichtig, schneller zu sein als die Konkurrenz. Es geht darum, zu überleben um Zeugnis abzulegen. Ohne kugelsichere Weste, ohne gepanzertes Auto. Nur mit dieser Mischung aus Angst und Wut im Bauch. Und mit der Hoffnung, dass der Spuk irgendwann aufhört. Manchmal, ganz selten, gibt es einen Lichtblick. Etwa am 3. Dezember. Da gab es keinen einzigen Mord. Und die Zeitung “La Voz de Juárez” titelte: “Was ist nur in Juárez los?“

Autorin: Sandra Weiss