Haiti |

"Adoption keine Wohltätigkeitsveranstaltung"

Rund die Hälfte der Todesopfer ist minderjährig. Das Erdbeben hat außerdem aus vielen Kindern Waisen gemacht. Sie sind traumatisiert und vielerlei Gefahren ausgesetzt. Kinderhilfswerke sehen Adoptionsaktionen kritisch: „Adoption ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung.”

Acht Tage war der Fünfjährige in den Trümmern seines Hauses in Port-au-Prince gefangen, bis ihn Rettungskräfte am Mittwoch bergen konnten. „Er ist sehr durstig und verwirrt, scheint aber ansonsten unversehrt, und er wird das Ganze wohl überstehen“, sagte ein Krankenpfleger dem US-Nachrichtensender CNN. In Jacmel im Süden des Karibikstaates retteten die Helfer ein drei Monate altes Baby, das in einem kleinen Hohlraum lag und seit einer Woche nichts gegessen und getrunken hatte, wie ein französischer Radiosender meldete. Kleine Wunder inmitten der Zerstörung. Schwer getroffen wurde vor allem die Jugend – auf deren Schultern die Zukunftshoffnungen lagen. „Haiti hat eine ganze Generation verloren“, sagt der Spanier Jose Miguel de Haro von der Nicht-Regierungs-Organisation „Acoger y Compartir“, deren Schule bei dem Beben einstürzte und mehr als 300 Kinder und Lehrer unter sich begrub. Rund die Hälfte der Toten und Verletzten des schweren Bebens sind nach Schätzungen von Nicht-Regierungs-Organisationen minderjährig. Die beiden Kinder aus Port-au-Prince sind gerettet, doch welche Zukunft erwartet sie?
Wie sie haben tausende Kinder nicht nur ihr Haus und ihre Schule verloren, sondern oft auch ihre Familie. Sie seien traumatisiert und irrten verlassen auf den Straßen herum, erklärte das Kinderhilfswerk Unicef in Mexiko. „Wir haben Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Kinder festgestellt“, sagte eine Unicef-Sprecherin. Die Organisation bemühe sich, zunächst die medizinische Versorgung sicherzustellen, den Kindern Essen und Trinken zu besorgen, da sie bei der Essensausgabe sonst leicht an den Rand gedrängt würden, sowie sie vor Missbrauch zu schützen. Die Organisation Save the Children zeigte sich besorgt über die Seuchengefahr. Die sanitäre Lage sei kritisch, und die Minderjährigen besonders anfällig für Krankheiten, da sie oft nicht geimpft seien. Die auf Kinder spezialisierten Hilfsorganisatioinen richteten deshalb separate Notunterkünfte für die Jüngsten ein. Dort wird nicht nur Schulunterricht improvisiert, sondern auch Spielzeug ausgeteilt, um die Opfer abzulenken. Psychologen helfen ihnen bei der Aufarbeitung der Katastrophe, während Hilfspersonal versucht, Angehörige aufzuspüren, um die Kinder bei ihnen unterzubringen.
In vielen Fällen wird dies allerdings nicht möglich sein. „Schon vor dem Beben lebten 400.000 Waisenkinder auf Haiti in Heimen und 2000 alleine in Port-au-Prince auf der Straße, jetzt mag ich mir das gar nicht vorstellen“, sagte die Karina Klink dem argentinischen Nachrichtenservice Infobae. Aids, familiäre Zerrüttung, Gewalt und bittere Armut machten aus Haiti schon lange vor dem Beben ein Sorgenkind der Kinderschutzorganisationen und eines der wichtigsten Länder für Adoptionen. Nur die Hälfte der Minderjährigen ging zur Schule, ein Drittel war unterernährt, jedes fünfte Baby wurde extrem untergewichtig geboren. Rund 1300 haitianische Kinder werden jährlich an ausländische Familien vermittelt- auch Klink hat vor kurzem einen haitianischen Jungen adoptiert. Jetzt könnten es noch viel mehr werden: Frankreich, die Niederlande und die USA kündigten bereits an, die Formalitäten hierfür zu erleichtern. In den USA trafen unterdessen die ersten 54 Waisen ein, für die der Erzbischof von Miami ein Aufnahmerecht erwirkt hat. Nach Angaben der Ministerin für Sicherheit, Janet Napolitano, handelt es sich in den meisten Fällen um Kinder, die bereits für die Adoption freigegeben wurden. Sie erhielten in den USA medizinische Betreuung und ein temporäres Aufenthaltsrecht; jeder Adoptionsfall würde aber einzeln überprüft. Die Niederlande entsandten ein Flugzeug, das zur Adoption freigegebene Waisen nach Europa bringen soll. Es gehe aber nicht darum, wahllos Kinder auf den Straßen aufzusammeln, betonte ein Sprecher des Justizministeriums.
Kinderrechtler sehen diese Aktionen trotzdem mit gemischten Gefühlen. „Wir fürchten, dass es zu Kindsentführungen und Kinderhandel kommen könnte“, sagte eine Unicef-Sprecherin. „Schon vor dem Beben gab es Mafiaorganisationen, die Kinderhandel betrieben“, warnte de Haro. Und auch Klink riet potenziellen Adoptionseltern vor überstürzten Mitleidsenscheidungen ab. „Eine Adoption ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung, und niemals sollte man sich aus Mitleid dazu hinreißen lassen.“
Text: Sandra Weiss