Kolumbien |

2.500 Botschaften gegen das Vergessen

Das "Studio" steht mitten auf dem Plaza Bolivar in Bogotá. Hier wo jeden Tag tausende Touristen auf einen gelungenen Schnappschuss vor der historischen Kulisse hoffen, hat sich ein Team von Radioleuten ausgebreitet. Ein Zeltdach soll vor der Sonneneinstrahlung wie vor den gefürchteten heftigen Platzregen schützen.

Seit Sonntag wird von hier aus gesendet. Laut Organisatoren sind über 2.500 Botschaften eingegangen, die während des 110-stündigen Sendemarathons über den Äther gehen sollen. Es sollen Botschaften sein, die aufmuntern, Hoffnung machen und Solidarität ausdrücken. Die Adressaten sitzen irgendwo im kolumbianischen Dschungel. Sie sind die Geiseln der Guerilla-Organisation FARC oder rechter paramilitärischer Verbände.

Geiselradio mit einzigartigen Sendung

Der mehrfach ausgezeichnete Radio-Journalist Herbin Hoyos hat auf dem Podium Platz genommen. Er interviewt die Familienangehörigen der Opfer: "Was möchten Sie sagen", fragt Hoyos immer wieder. Er musste jüngst wegen Morddrohungen selbst schon einmal das Land verlassen. Hoyos ist der Gründer des sogenannten Geiselradios, einer weltweit wohl einzigartigen Sendung, in der Familienangehörige Botschaften an die Geiseln richten können. Er selbst war auch das Opfer einer Entführung.

Unterstützt wird Hoyos, der ein schwarzes Hemd mit der Aufschrift "Liberen los Secuestrados" (Lasst die Entführten frei) trägt, von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen wie "Colombia soy yo" (Kolumbien, dass bin ich), die sich für ein friedliches Kolumbien einsetzen.

"Wir haben das große Glück, dass uns mehr als 2370 Radiostationen weltweit unterstützen", berichtet Daniela Rodas Bedoya, Sprecherin des Geiselradios. Die meisten sind kleine Radiosender aus Dörfern in Lateinamerika. Vor allem aus Mexiko, das unter einer wachsenden Zahl von Entführungen leidet, ist die Resonanz groß.

Kofferradio als einzige Verbindung zur Außenwelt

Vladimiro Bayona ist auch gekommen. Sein Sohn Alexander ist seit dem 18. März 2000 von der Farc verschleppt. "Weint für uns, nicht mit uns", sagt Vladimiro Bayona ins Mirkofon. Seit dem Tag der Entführung hat er nie mehr etwas von seinem Sohn gehört. Er hofft, dass seine Botschaft irgendwo in den Bergen Kolumbiens ankommt. Ein Kofferradio ist den meisten Geiseln erlaubt. Es ist ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Bis zum 23. Februar werden die Geiseln nun mit ihrem Ohren am Lautsprecher kleben und hoffen, dass auch für sie eine ganz spezielle Nachricht dabei ist. So vergeht Tag für Tag.

Es ist das zweite Mal, dass sie in Kolumbien einen Sendemarathon von Botschaften für die Geiseln veranstalten. Beim ersten Mal waren es 90 Stunden, diesmal sollen es 20 Stunden mehr werden. Am 23. Februar wollen sie ihr Zelt wieder abbauen. Sie hoffen, dass sie dann das Schicksal all jener Geiseln ins Bewusstsein der Kolumbianer zurückgerufen haben.

Die Farc hatte im Dezember angekündigt, einen Teil ihrer Geiseln freizulassen. Das Datum verstrich wieder einmal ohne Ergebnis. Regierung und Rebellen werfen sich gegenseitig vor dafür Schuld zu sein. Für die Menschen, die teilweise seit über 13 Jahren unter erbärmlichen Bedingungen gefangen gehalten werden, ist das unerträglich. Ihnen bleibt nur das Radio. Sie werden zuhören. 110 Stunden lang.

Autor: Tobias Käufer/Bogotá