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"Zweite Runde" der Studentenproteste

Nachdem in Chile die private „Universidad del Mar“ lieber Gewinne erzielen, als ihren Angestellten die Löhne zahlen wollte, haben die Studentenproteste gegen das Geschäft mit der Bildung neue Nahrung erhalten. Ab morgen rufen die Verbände zu einer „zweiten Runde“ der landesweiten Mobilisierung auf. Denn viel passiert sei in Wahrheit nicht, meint der Vorsitzende des Studentenverbandes Fech, Gabriel Boric.

Morgen sollen sich wieder Tausende in der Hauptstadt Santiago de Chile auf der „Plaza de Italia“ einfinden und protestierend durch die Stadt ziehen. Für einen Stopp der Kommerzialisierung der Bildung und für ein kostenloses und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot öffentlicher Einrichtungen. So jedenfalls haben es sich die verschiedenen chilenischen Studentenverbände gedacht. Es beginne eine „Zweite Runde“ der Proteste, ließen sie verlauten.

Ohne Druck geht nichts

“Wir müssen uns wieder organisieren, wieder auf die Straße gehen, denn es hat sich gezeigt, dass die Regierung uns ohne Mobilisierung, ohne sozialen Druck, nicht zuhört", so der Vorsitzende des Studentenverbandes Fech, Gabriel Boric. Am 13. Juni haben die verschiedenen Studentenverbände in der Universidad Católica beschlossen, den Druck auf der Straße wieder zu erhöhen. Schon am 28. Juni soll es weitergehen, mit einem landesweiten Protesttag, um „das Geschäft der Bildungsunternehmer zum Erliegen zu bringen und der Regierung zu sagen: Es reicht! Sie können nicht einfach weitermachen mit der Einführung von Gesetzen die nichts ändern, wenn nicht effektiv mit der Bereicherung Schluss gemacht und die öffentliche Bildung im Land auf einen Schlag stärkt wird“, unterstreicht Boric.

Zufrieden mit dem Erreichten sei man ganz und gar nicht, denn das von den Studenten kritisierte Grundmuster, dass Bildung zum Gewinne machen da sei, bestehe noch immer. Ein Jahr nach der Besetzung von mehr als 500 Sekundarschulen im ganzen Land „gibt es noch immer keine solide und konkrete Antwort (…) Hier fehlt es an echtem politischen Willen im Bildungsministerium“, ärgert sich Christofer Saravia, Sprecher des landesweiten Verbandes der Sekundarschüler (Cones). „Sie haben uns direkt angelogen, indem sie uns erzählt haben, sie würden die Dinge verbessern“, kritisiert Saravia, so wie der gegenwärtige Bildungsminister Harald Beyer agiere, würde nichts gelöst.

Skandal um Immobiliengeschäfte an Privatuni

Eine Steilvorlage für die Kritik an der chilenischen Bildungsrealität lieferte der Skandal um die private „Universidad del Mar“, an der, über das ganze Land verteilt, rund 18.000 Studierende lernen und die etwa 3.000 Angestellte und Dozenten hat. Deren Rektor, Raúl Urrutia, war Ende Mai zurückgetreten, weil die Eigentümer der in Geldnot geratenen Privatuniversität sich entschieden hatten, lieber die angemieteten Büroräume zu bezahlen, statt Angestellte und Honorarkräfte fristgerecht zu entlohnen. Letztere hatten schon länger ihr Geld nur in Raten oder gar nicht erhalten.

Laut Urrutia hatte die Universität im Mai umgerechnet rund 392.000 € Schulden an Lohn- und Honorarzahlungen bei ihren Beschäftigten. Die Schulden bei der Sozialversicherung beliefen sich auf noch einmal rund 869.000 €, doch die Besitzer der Universität gaben fälligen Mietzahlungen in Höhe von 941.000 € den Vorrang - viele der angemieteten Räume gehören Immobiliengesellschaften, deren Eigner auch die Besitzer der Universität sind, schreibt die Nachrichtenagentur Adital.

„Universidad del Mar“ in der Kritik

Noam Titelman, Vorsitzender des Studentenverbandes der Universidad Católica unterstrich, dass die auftretenden „Problematiken systeminhärent und generell“ seien. „Das Problem von privaten aber staatlich geförderten Einrichtungen, wo Gewinne mit den Ressourcen aller Chilenen gemacht werden, betrifft uns alle. Im Falle der höheren Bildung, wie an der Universidad del Mar, sprechen wir von 5,5 Mio. €, die diese Institution auf Kredit und mit einer Bürgschaft des Staates erhalten hat, ohne dass es eine adäquate Regulierung gegeben hätte“.

Das Bildungsministerium hat im Falle der Uni eine Untersuchung eingeleitet. Man analysiere alle Informationen der letzten fünf Jahre, um sich ein Bild machen zu können, erklärte Bildungsminister Beyer gestern, wie Radio Biobio berichtet. Die Studenten mahnte er, in die Hörsäle zurückzukehren, statt zu protestieren. Ähnlich äußerte sich auch der ehemalige Rektor Urrutia. Zudem mahnt er an, dass die Eigentümer die Verwaltung der Privatuni an Dritte übertragen müssten. Viel wichtiger sei aber, „dass der Staat alle Universitäten kontrolliere“.

Autorin: Bettina Hoyer

"Schluss mit der Bereicherung in der Bildung", Mai 2012/ Periódico El Ciudadano, Flickr