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Zurück zu den katholischen Wurzeln

Marina Silva wird sich im Oktober als Kandidatin der Grünen Partei PV (Partido Verde) um den Präsidentenposten bewerben. In ihrer jetzt gestarteten Wahlkampagne zielt die in Brasilien als "letzte aufrechte Politikerin" verehrte Umweltaktivistin besonders auf die Stimmen von Frauen aus der unteren Mittelschicht. Aber auch ihre katholische Vergangenheit soll ihr Prozentpunkte bringen.

Brasiliens Grüne haben traditionell einen Nachteil bei Wahlen: außer Studenten und alternativ denkenden Mittelklässlern nimmt sie kaum jemand wahr. Und von denen gibt es nicht allzu viele. Mit Silva, die Mitte letzten Jahres überraschend aus der regierenden Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva ausgetreten war, soll das anders werden. Sie könnte, spekuliert die PV, enttäuschte PT-Wähler anlocken.

Doch will Silva eine Chance haben, muss sie bei der rasant wachsenden unteren Mittelschicht punkten. Der ist sie nach Umfragen nahezu unbekannt. Gerade einmal 8% der Befragten kennen Lulas ehemalige Umweltministerin. So tritt Silva derzeit verstärkt in TV-Programmen auf in denen man sie eigentlich nicht erwartet: Talkshows und seichte Unterhaltungssendungen. Und sogar auf katholischen Kanälen war die sich heute als Anhängerin der Pfingstkirche "Assembleia de Deus" bekennende Silva zu sehen.

Religion hatte stets eine wichtige Stellung in ihrem Leben. Geboren in einem kleinen Urwalddorf an der Grenze zu Peru, lernte die Tochter eines Kautschukzapfers durch ihre Großmutter die katholische Religion kennen. Nonnen bewahrten die Jugendliche vor dem sicheren Hepatitistod, worauf Silva beschloss selber Nonne zu werden. In einer Klosterschule lernte sie Lesen und Schreiben, doch dann lockte die Universität und der politische Aktivismus zu einem weltlichen Leben.

Die Religion habe ihr die ethischen Grundlagen für ihr politisches Handeln gegeben, betont Silva stets. Aus religiöser Überzeugung verteidigte sie die Homo-Ehe, und geht es um Abtreibung setzt sie auf ein Plebiszit. Ihr rein persönlich begründeter Übertritt zu den Pfingstkirchlern habe sie niemals in ihren politischen Entscheidungen beeinflusst, so Silva, die den laizistischen Staat als Garant für die freie religiöse Entfaltung aller Menschen ansieht. Trotzdem habe sie wegen ihrer Entscheidung zugunsten der "Assembleia" stets mit Vorurteilen der katholischen Mehrheit zu kämpfen. Jetzt geht sie in die (mediale) Gegenoffensive.

"Marina kommt bei armen Frauen besonders gut an," so ihr Wahlkampfmanager Alfredo Sirkis. Niemals habe sich die PV träumen lassen ausgerechnet in diesem Segment zu punkten. "Doch die Frauen identifizieren sich besonders mit ihrer christlichen Lebensgeschichte," so Sirkis. Marinas Strategie scheint aufzugehen. Sie sei eine "große Inspiration für die Menschen der unteren Gesellschaftsschichten", lobte sie letztens der Moderator einer Nachmittagsshow.

Autor: Thomas Milz