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Zeitspiel in Chile

Lehrer, Studenten und Schüler demonstrieren am 14. Mai 2015 für ein besseres Bildungssystem. Foto: Esteban Ignacio. CC BY-NC-ND 2.0
Lehrer, Studenten und Schüler demonstrieren am 14. Mai 2015 für ein besseres Bildungssystem. Foto: Esteban Ignacio. CC BY-NC-ND 2.0

Der Streit um eine Reform der Lehrerausbildung in Chile geht in die nächste Runde. Nach wochenlangen Streiks der Lehrergewerkschaft und hartem Widerstand auch aus den Reihen der Regierungskoalition hat das Parlament am Donnerstag, 23.7.2015, mit breiter Mehrheit grundsätzlich für die Reform gestimmt - aber Inhalte bleiben offen.

Noch tags zuvor war der Entwurf im Bildungsausschuss an Kritikern aus den eigenen Reihen gescheitert. Seit Wochen sitzt man an runden Tischen mit Vertretern der Lehrergewerkschaft und Abgeordneten, doch ein Konsens war nicht in Sicht. Daher stand für die Regierung bei der Abstimmung im Plenum viel auf dem Spiel: Wäre der Gesetzentwurf abgelehnt worden, hätte sie frühestens in einem Jahr einen weiteren Reformversuch unternehmen können.

In Chile ist das Bildungssystem stark privatisiert, die Universitäten gehören zu den teuersten der Welt. Das Bildungssystem gilt als Erbe der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet. Staatspräsidentin Michelle Bachelet, die bereits von 2006 bis 2010 eine Regierungskoalition führte, hat der sozialen Ungleichheit im Land den Kampf angesagt. Es steht viel auf dem Spiel: Bachelets Beliebtheitswerte sind in Umfragen auf inzwischen 19 Prozent gerutscht.

Ablehnung

Wegen der Bildungsreformen liegt Chile seit Monaten im Streit. Viele Pädagogen sehen in dem Vorhaben eine Fortschreibung des marktorientierten Systems und weitere Arbeitsbelastungen. Noch im Mai rief die Lehrergewerkschaft "Colegio de Profesores" zum Generalstreik gegen den Gesetzentwurf auf. Der Arbeitskampf dauert nun schon sieben Wochen.

Der ursprüngliche Regierungsentwurf, der strengere Zugangsbeschränkungen zum Lehrerberuf und eine fortlaufende Bewertung der Pädagogen durch Tests vorsieht, hatte unter der Lehrerschaft für Empörung gesorgt. Und auch der jetzige Beschluss, der in erster Linie einen Zeitgewinn für die Regierung bedeutet, beruhigt die Kritiker nicht: Auf die Abstimmung reagierten Besucher im Parlament mit Buh-Rufen und warfen Münzen auf die Abgeordneten; die Tribüne wurde schließlich von der Polizei geräumt.

"Mich macht es ohnmächtig und traurig zu sehen, wie die Regierung die politische Unterstützung in der Bevölkerung für eine große Bildungsreform in eineinhalb Jahren vergeudet hat", sagt der junge linke Abgeordnete Gabriel Boric. Seine Entscheidung für ein Nein in der Abstimmung erklärt er so: Es habe "keinen Sinn, für eine Reform zu stimmen, die die Mehrheit der Lehrerschaft in Chile ablehnt".

Zugeständnis

Das Misstrauen gegenüber der Regierung und der gesamten politischen Klasse ist derzeit ohnehin groß. Seit Jahresbeginn kamen mehrere Skandale ans Licht; unter anderem ging es um illegale Wahlkampffinanzierung von Politikern durch Unternehmen, Bestechung und Steuerhinterziehung. Die Abgeordneten in Chile gehören mit monatlichen Bezügen von umgerechnet 12.000 Euro zu den bestbezahlten in der OECD, während ein großer Teil der Bevölkerung weniger als 500 Euro im Monat verdient.

Nachdem Bachelet Ende Juni den unpopulären Bildungsminister Nicolas Eyzaguirre in ein anderes Ministerium versetzte, suchte dessen Nachfolgerin Adriana Delpiano mit Zugeständnissen in letzter Minute das Wohlwollen der Lehrerschaft und der Opposition. So soll die Unterrichtsvorbereitung 40 Prozent an der bezahlten Arbeitszeit ausmachen dürfen; bisher sind es 25 Prozent.

Diese Regelung soll zunächst für Grundschulen in sozialen Brennpunkten gelten und mit zusätzlichen Mitteln finanziert werden. "Das war ein Zugeständnis an die rechten Parteien", erklärte die Vorsitzende im Bildungsausschuss, Camila Vallejos. Es sei schade, dass die Regierung auf solche Übereinkünfte mit den Rechtskonservativen zurückgreife, obwohl sie ja eine eigene Mehrheit habe, meint Vallejos, ehemalige Studentenführerin.

Im Bildungsausschuss soll das Gesetz nun stark überarbeitet werden. "Die breite Mehrheit ermöglicht es uns, jetzt im Detail die Feinheiten in den Entwurf einzuarbeiten, die bisher verhandelt wurden", sagt Bildungsministerin Delpiano.

Autorin: Daniela Englert
Quelle: KNA
Foto: Esteban Ignacio. CC BY-NC-ND 2.0