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WM außer Kontrolle

"Ich würde diesen Leuten nicht einmal meinen Hund zum Gassigehen anvertrauen!" Wenn es um die Organisation der Fußballweltmeisterschaft 2014 geht, ist Juca Kfouri Brasiliens kritischste Stimme. Seitdem das Land als Austragungsort für das größte Sportevent der Welt ausgewählt wurde, warnt der altgediente Sportjournalist vor der Gier aller Beteiligten auf öffentliche Gelder. Seit ein paar Tagen wird nun ein neuer Akt im Drama "WM-Vorbereitung" aufgeführt. Den Städtebauminister rührt das Ganze derweil bereits zu Tränen.

Mario Negromonte konnte seine Tränen nicht zurück halten. Der Städtebauminister fühlte sich nach den neuesten Vorwürfen gegen sein Ministerium von der eigenen Regierungsbasis im Stich gelassen. Diese sei unzufrieden mit Präsidentin Dilma Rousseff und ließe ihren Ärger nun an ihm aus. Während man Rousseff angeht, weil sie eine Frau sei, wolle man ihm an den Kragen, weil er aus dem ungeliebten Nordosten stamme. Er hänge nicht an seinem Amt, so der Minister. Techniker aus seinem Haus hatten zuvor angegeben, von Politikern gezwungen worden zu sein, ihre Gutachten zu Infrastrukturbauten in der WM-Austragungsstadt Cuiaba zu manipulieren.

WM-Kosten sprengen den Rahmen

Ursprünglich hatten sich die Beamten für den Bau von Express-Buslinien ausgesprochen, einem kostengünstigen und rasch zu realisierenden Transportsystem. Unter dem Druck der dortigen Landesregierung und von Lobbyisten wurden diese Gutachten jedoch geändert. Nun sollen Schienenfahrzeuge die Fußball begeisterten Touristen durch die WM-Stadt transportieren. Der Haken: Bauzeiten und Kosten würden sich mehr als verdoppeln. Damit ist mehr als fraglich, ob man bis zur WM überhaupt fertig wird.

Alleine in Cuiaba sollen 700 Millionen Reais an Mehrkosten anfallen. Insgesamt haben sich die WM-Kosten durch kurzfristige Änderungen bereits um 2 Milliarden Reais erhöht. Dabei hatte Präsidentin Dilma Rousseff Anfang des Jahres klar gestellt, dass es keine Änderungen an den ursprünglichen Plänen zur WM-Vorbereitung mehr geben soll. Mehr als beunruhigt soll die Präsidentin aufgrund der schleppend voran schreitenden Vorbereitung sein. Viele der ehrgeizigen Vorhaben sind nicht einmal begonnen worden. Und die geplanten Ausbauten der wichtigsten Flughäfen scheiterten bisher daran, dass die Regierung noch um ein Privatisierungsmodell für die Airports ringt. Vier Jahre nach der offiziellen Benennung Brasiliens zum WM-Ausrichter!

Gier nach öffentlichen Geldern

Ein großes Problem für die Regierung ist das Fernbleiben der Privatwirtschaft. Ursprünglich sollte die einen Großteil des WM-Budgets bereit stellen. Doch die Unternehmen halten sich komplett aus der Vorbereitung heraus. "Es ist bereits klar, dass viele der Vorhaben nicht mehr fertig werden," meint Sportjournalist Kfouri. Er wittert Absicht hinter den Verzögerungen. "Man wartet darauf, dass die Zeit drängt, um dann die öffentlichen Mittel per Notdekrete freigeben zu können." In diesem Fall bedarf es keinerlei öffentlicher Ausschreibungen für die Bauten. Eine ideale Situation für die Politiker und ihre Spezis aus der Baubranche.

Doch die Gier nach öffentlichen Geldern macht bei den Infrastrukturbauten nicht Halt. Auch die WM-Stadien bieten eine wunderbare Gelegenheit, die öffentlichen Töpfe zu plündern. "In Sao Paulo hätte man für relativ wenig Geld das Morumbi-Stadion des FC Sao Paulo umbauen können," meint Kfouri. "Stattdessen argumentiert man, dass ein komplett neues Stadion gebaut werden muss." Anfangs hatte die Regierung erklärt, für jedes der 12 Stadien maximal 400 Millionen Reais an Kreditlinien zur Verfügung zu stellen. Doch schon jetzt scheint sicher, dass das Itaquerao-Stadion in Sao Paulo eine Summe jenseits der 1 Milliarde verschlingen wird.

Notfallplan für chaotische Verkehrssituation

Ähnlich die Situation in Rio de Janeiro, wo der Umbau des Maracana jetzt schon auf 1,2 Milliarden Reais geschätzt wird. "Es wiederholt sich die Erfahrung der Panamerikansichen Spiele von 2007," meint Kfouri. 400 Millionen Reais sollten diese kosten, wobei man neben dem Neubau des Olympiastadions noch eine Metrolinie bauen und die Guanabara-Bucht säubern wollte. "Weder wurde die Metro gebaut, noch die Bucht gesäubert. Aber trotzdem kosteten die Spiele acht Mal so viel wie ursprünglich geplant." Schon damals hatte man das Maracana-Stadion für viel Geld umgebaut, doch angeblich entsprachen die Neuerungen nicht den FIFA-Auflagen. Derzeit steht von dem weltberühmten Stadion nichts mehr außer der Fassade.

Die Zeit drängt derweil. Sollte das Maracana-Stadion nicht Anfang 2013 fertig sein, müsste der ConFed-Cup Mitte jenes Jahres ohne die beiden wichtigsten Städte Sao Paulo und Rio stattfinden. Dabei gilt der Wettbewerb als Testevent für die ein Jahr später stattfindende WM. In Brasilien beginnt man nun zu improvisieren. Schon vor einigen Wochen hatte die Regierung ihren Notfallplan für die chaotische Verkehrssituation in vielen WM-Städten ausgegeben. An Spieltagen soll demnach ein Feiertag ausgerufen werden, um den Berufsverkehr zu reduzieren. "Es kostet alles viel mehr als geplant, und gebaut wird dabei viel weniger," resümiert Journalist Kfouri. Einen Hund hat er übrigens nicht.

Autor: Thomas Milz.