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Wirtschaftsriese Chevron droht Beschlagnahmung

Ein argentinisches Gericht hat die Beschlagnahmung aller Vermögensteile des amerikanischen ölkonzerns Chevron in Argentinien angeordnet. Anlass ist ein Vollstreckungsantrag von Klägern aus Ecuador, die in ihrer Heimat die Verurteilung Chevrons zu Entschädigungszahlungen von mehr als 19 Milliarden Dollar erreicht haben. Hintergrund ist die massive Umweltverseuchung der von Chevron übernommenen Gesellschaft Texaco, die in den siebziger und achtziger Jahren Erdöl in Ecuador gefördert hatte.

Für Elias Piahuaje, dem Häuptling der Sicoya-Indios in Shusufindi, einer Urwaldregion im Osten Ecuadors, könnte es den erfolgreichen Abschluss eines langen 20 Jahre andauernden Kampfes bedeuten. Etwa dreißigtausend Indigenas, Shuaros, Sicoyas, Govanes, Aoranes und andere Quechuastämme, könnten endlich entschädigt werden für die jahrelange Vergiftung und Verseuchung ihrer Flüsse, ihrer Wälder, ihrer Tiere und ihrer Bevölkerung.

Die Indigenas im amazonischen Teil Ecuadors sind Opfer der modernen Kolonialisierung Südamerikas im 20 Jahrhundert. Die heutigen Kolonialherren sind nicht die Spanier oder die Portugiesen, sondern mächtige multinationale Konzerne, die korrupten Regierungen Konzessionen abluchsen und die reichen Rohstoffreserven plündern. Während die Spanier in Ecuador früher nach Gold schürften, fördern heute ölmultis aus aller Welt das schwarze Gold und pumpen es quer durch das Land an die Pazifikküste, um es in die USA oder nach Europa zu verschiffen: „Die ölleute hier“, klagt Elias, „haben alles genommen was unter der Erde war, aber sie haben nichts den Gemeinschaften der Indigenas zugute kommen lassen. Wir sind diejenigen, die ohne Gewinne geblieben sind, wir, die alten Einwohner. Sie schaffen das öl weg, aber den Bewohnern haben sie massiv geschadet“.

Fischsterben und Hautentzündungen

1964 hatte der ölkonzern Texaco in der Amazonasregion mit der ölförderung begonnen, hatte gewaltige Förderanlagen und oberirdische Rohrleitungen installiert, ohne sich um den Schutz der Umwelt und der Menschen zu kümmern, berichtet Paulina Piahuaje, die Tochter des Häuptlings: „Wir werden krank, und wenn wir im Fluss baden, bekommen wir schlimme Entzündungen und die Fische sterben. Und wenn es regnet, fällt schwarzer Regen, dieses Wasser können wir nicht mehr trinken“.

Die undichten Brunnen und leckgeschlagenen Leitungen verseuchen manchmal ganze Flüsse und Lagunen. Schätzungen zufolge sind mittlerweile 75 Millionen Liter öl aus Lecks in die Umwelt geflossen. Das öl, die Bohrschlämme und Chemikalien vergiften nicht nur das Wasser und die Umwelt, sondern auch die Menschen: Hautkrankheiten, Krebs, hohe Kindersterblichkeit und Veränderungen der Erbanlagen sind die Folgen.

Ausgelaufenes öl soll zwei Indigenengemeinschaften ausgerottet haben

In dem Schadensersatzprozess gegen Chevron, dem Rechtsnachfolger von Texaco, sprachen die Anwälte der Indios von 650 Tausend Barrel ausgelaufenen öls, das eine halbe Million Hektar Land verseucht habe, was wiederum 306 Fälle von Krebserkrankungen ausgelöst und zwei Indigenagemeinschaften ausgerottet habe. Das Skandalöse dabei ist nicht nur die Vergabe der Konzessionen und mangelhafte Kontrolle des ecuadorianischen Staates, sondern die Beteiligung des staatlichen ölkonzerns Petroecuador, der mittlerweile die gesamte ölförderung inklusive der maroden und veralteten Texaco-Anlagen übernommen hat und für weiter anhaltende Schäden verantwortlich ist.

Im Oktober 2011 verurteilte ein ecuadorianisches Gericht Chevron zu einer Gesamtstrafe von 19 Milliarden US-Dollar. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Verseuchung der Umwelt durch Texaco für Krankheiten, Todesfälle und den wirtschaftlichen Ruin vieler Anwohner in der Region verantwortlich war. Chevron lehnte die Zahlung ab mit der Begründung, Texaco habe sich 1992 aus Ecuador zurückgezogen und zuvor den von ihr geforderten Beitrag zur Umweltsanierung geleistet.

Pfändbares Vermögen nun in Projekten in anderen Staaten gesucht

Weil Chevron in Ecuador über kaum pfändbares Vermögen verfügt, versuchen die Kläger seitdem, das Urteil in anderen Ländern zu vollstrecken, in Kanada, Brasilien und Kolumbien, und in Argentinien. Dort hat ein Gericht jetzt dem Vollstreckungsantrag stattgegeben. Das Urteil bezieht sich auf das mit zwei Milliarden geschätzte Chevron-Vermögen in Argentinien sowie auf 40 Prozent der laufenden Einnahmen aus der Tagesförderung: Chevron ist der viertgrößte Erdölproduzent Argentiniens. Die Anwälte des Konzerns haben Einspruch gegen die Beschlagnahmung eingelegt: die lokalen Unternehmen stünden nicht im direkten Eigentum der „Chevron Corp.“, die in Argentinien kein eigenes Vermögen besitze.

Der Fall könnte auch die argentinische Präsidentin Christina Fernandez de Kirchner in Verlegenheit bringen. Sie hatte kürzlich die argentinische ölgesellschaft YPF verstaatlicht. Chevron ist eines der wenigen Unternehmen, die sich bisher bereit erklärt haben, mit YPF bei der dringend erforderlichen Erschließung von neuen öl- und Gasreserven zu kooperieren.

Autor: Gottfried Stein, Buenos Aires

Elias Piahuaje (links), Häuptling der Sicoya-Indios in Shusufindi, kämpft seit 20 Jahren gegen die Verseuchung der Urwaldregion im Osten Ecuadors. Foto: Stein