Mexiko |

"Wir sind Staatsbürger nur für einen Tag!"

In den vergangenen zehn Jahren sind 61 Journalisten in Mexiko umgebracht worden, acht werden vermisst. Jüngstes Opfer der Gewalt gegen Journalisten ist die Reporterin Ixtli Martínez. Sie wurde am 10. Juni angeschossen, als sie über Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Schlägertrupps an der Justizfalkultät der Autonomen Universität Benito Juárez in Oaxaca UABJO berichtete. In einem Interview prangert Pedro Matias, politisch verfolgter Journalist aus Oaxaca, der zur Zeit in Deutschland lebt, die fehlende Demokratie in seinem Land an.

Pedro, du sagst: „ Wir sind nur Staatsbürger für einen Tag“. Was meinst du damit?
Ich meine damit, dass wir für die Regierung nur an dem Tag interessant sind, an dem wir wählen gehen. Mexiko ist kein demokratisch regiertes Land. Oppositionelle aller Art werden unter dem Vorwand der Bekämpfung des Drogenhandels massiv verfolgt.

Hat diese Verfolgung mit deinem Aufenthalt in Deutschland zu tun?
Ja, und ich bin nur einen vom vielen. Von 2000 bis 2010 - und das sind die offiziellen Zahlen der staatlichen Kommission für Menschenrechte – wurden 61 Journalisten umgebracht und acht sind verschwunden.

Wie ist es dir ergangen?
Ich habe für die kritische, auf nationaler Ebene erscheinende Wochenzeitschrift „Proceso“, für eine Zeitung in Oaxaca und für das Radio gearbeitet. Ich habe über den Konflikt in Oaxaca im Jahr 2006 zwischen den streikenden Lehrern, der sie unterstützenden Zivilgesellschaft und dem harten Vorgehen der lokalen Regierung, geschrieben.

Am 25. Oktober 2008 bin ich dann am Stadtrand von Oaxaca-Stadt, als ich in meinem Auto fuhr, von zwei Wagen regelrecht umzingelt worden. Ich wurde aus dem Auto gezogen und in den Kofferraum meines Autos gesteckt. Zehn Tage war ich entführt. In dieser Zeit hat man mich bedroht, mir eine Pistole an die Stirn gesetzt, mir mit Vergewaltigung gedroht und gesagt, dass ich auf meine Familie aufpassen sollte. Dann ließ man mich frei. Dank der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, die Stipendien vergibt, bin ich seit Juni 2009 in Deutschland.

Wie sieht du die augenblickliche Lage in Mexiko?

Wir leben in einem gespaltenen Land. Der Norden ist wirtschaftlich zwar moderner, dort haben wir es aber mit der organisierte Kriminalität von sieben, sich untereinander bekämpfenden Drogenkartellen zu tun. Der Süden ist zum Teil so arm wie einige Länder in Afrika. In meinem Bundesstaat Oaxaca herrscht z. B. der Kazikismus (von spanisch „Cazique“: autoritäre Herrschaft einer einzigen Person) von rund 80 Jahren PRI-Herrschaft, Oaxaca ist einer der ärmsten Bundesstaaten im Land.

Die mexikanische Regierung gibt sogar zu, dass die Zahl der Armen um sechs Millionen Menschen und die Zahl der Unterbeschäftigten und Arbeitslosen um vier Millionen Menschen im Land gestiegen ist. Die „remesas“ (Rücküberweisungen der Migranten in den USA nach Mexiko) aus den USA sind durch die dortige Wirtschaftskrise um 16 Prozent zurückgegangen.

In Oaxaca hungern die Menschen. Die Mobilisierung im Jahr 2006, bei der eine Million Menschen auf die Straße ging, hat dieses deutlich gezeigt. Unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung wird jede Art von Opposition, seien es Basisbewegungen, Gewerkschaftler oder Menschen mit sozialem Engagement, verfolgt.

Gerade in Oaxaca ist die Lage dramatisch, weil die Regierung große Bergbau- und Wasserprojekte in der Region plant, ohne Rücksicht auf die Belange der indianischen Bevölkerung. In Oaxaca wurden zwölf Konzessionen an kanadische Firmen vergeben. Jeder Widerstand gegen diese Projekte, von denen man weiß, dass sie ökologisch sehr umstritten sind, wird im Keim erstickt.

Was bedeutet das für einen kritischen Journalismus ?

Es gibt unterschiedliche Formen der Repression: einer der Zeitungen, für die ich geschrieben habe, wurde nahe gelegt, mich zu entlassen, weil sie ansonsten keine Aufträge mehr für Anzeigen von großen Firmen bekommen würde. Weiterhin werden kritische Journalisten psychologisch und ganz handfest unter Druck gesetzt: es wird geprüft, ob sie ihre Steuern ordnungsgemäß zahlen, sie werden beschattet und ihre Familien werden bedroht.

Die Zeitung „Proceso“ hat wegen Einschränkung der Pressefreiheit vor internationalen Gerichten eine Anklage gegen die mexikanische Regierung erhoben.

Die großen Meinungsmacher in Mexiko sind, besonders im TV-Bereich, Televisa und Tele Azteca. Das hat sich auch bei der Wahl des Präsidenten im Jahr 2006 gezeigt. Der links stehende Kandidat Lopez Obrador wurde diffamiert und diskreditiert.

Ähnlich war es in Oaxaca, bei den Unruhen wurden nur die brennenden Busse gezeigt, aber nie über die Ursachen des Aufstandes berichtet. Kritisch berichtenden Radiostationen werden in Mexiko einfach die Sendeerlaubnis entzogen.

Mexiko ist nach dem Irak das zweit gefährlichste Land für Journalisten.

Mir wurde vorgeworfen, ich hätte mit dem Drogenhandel zu tun. Ich habe nach meiner Freilassung Anzeige erstattet, aber was bringt das?

Wie kann sich die Situation in Mexiko verbessern?
Nur mit Druck von außen und Vernetzung von innen. In Oaxaca finden 2010 Gouverneurswahlen statt. Man spricht sogar von einer Koalition zwischen PAN und PRI. Es heißt, die PRI, der der äußerst brutal regierende Gouverneur Ortiz angehört, will den früheren Regierungsminister Jorge Franco als Kandidaten aufstellen. Er hat im Jahr 2006 für die massive militärische Unterdrückung der Opposition in Oaxaca gesorgt. Dann besteht ernsthafte Gefahr für einen neuen Aufstand. Die indigene Bevölkerung in Oaxaca ist sehr leidensfähig, aber auch sehr kampfbereit.

Wie hat sich die Kirche in Oaxaca während des Konfliktes verhalten?

Die Kirche hat eine wichtige Rolle im Konflikt 2006 gespielt. Viele Kirchen waren für die Aktivisten der Opposition offen, eine Gruppe von gut 20 bis 30 Priestern steht an der Seite der Armen. Der Ortsbischof hat sich zwar kritisch zum Streik der Lehrer geäußert, aber auch die Regierung deutlich für ihr hartes Vorgehen gehen die Opposition kritisiert.

Was können wir von Deutschland aus tun?
Ganz wichtig ist die Solidarität. Mexiko soll endlich die Verträge zur Pressefreiheit und zum Schutz der Menschenrechte einhalten, die die Regierung so schön unterschrieben hat.
Ich habe sehr viel Unterstützung in Deutschland erfahren, von privaten Leuten und von Menschenrechtsorganisationen. Je mehr über die wirkliche Situation in Mexiko berichtet wird, je mehr die Leute Beschwerdebrief an die mexikanische Regierung schreiben, desto
besser.

Was ist dein Wunsch?
Auf jeden Fall in diesem Jahr nach Mexiko zurückkehren und weiterarbeiten. Ich bin hier in Deutschland sehr gestärkt worden und konnte mich gut vernetzen. Kritischer Journalismus ist in Mexiko gefährlich, aber ich mache weiter.

Das Interview führte Stefanie Hoppe, Referentin für Bildung/ Pastoral beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.