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Wider die tödlichen Schüsse

Jeder vierte Mensch auf der Welt, der durch Schusswaffen ums Leben kommt, erliegt in Lateinamerika seinen Verletzungen. Rund 30.000 Tote sind im mexikanischen "Drogenkrieg" seit 2006 zu beklagen. Zu viele Waffen, zu laxe Gesetze. Das Bündnis CLAVE beriet in San José über Lösungen.

Mindestens 72 hingemetzelte Migranten im mexikanischen Taumalipas im August 2010, über 3.100 Tote in einem Jahr in Ciudad Juárez, einer Stadt mit gerade einmal 1,3 Mio. Einwohnern. Die Regierung Mexikos rief 2006 den Krieg gegen die Drogen aus und erntete eine Welle von Gewalt, der sie mit einem erhöhten Aufgebot von Militär und Polizei begegnete. Mit zweifelhaftem Erfolg. Sicher ist nur, dass rund 30.000 Menschen seither Opfer dieses "Krieges" geworden sind. Sowohl ehemalige als auch korrupte diensthabende Polizisten und Militärs mischen mit: als Paramilitärs, in Drogenbanden, als Mittelsmänner. Waffen sind - nicht nur in Mexiko - leicht zu haben und werden auch ohne viel Federlesen benutzt.

CLAVE berät über Ausweg aus Gewaltspirale

Die zunehmende Waffengewalt ist ein Problem in Lateinamerika, dem sich ein Bündnis von Nichtregierungsorganisationen angenommen hat. Es tagte vom 21. bis 23. März in Costa Ricas Hauptstadt San José. Vertreter des lateinamerikanischen Bündnisses zur Prävention von Waffengewalt (CLAVE) berieten, wie die Gewalt künftig wieder eingedämmt werden könnte, berichtet die Nachrichtenagentur Adital.

“Mehr als 40 Prozent aller Menschen, die in der ganzen Welt durch Schusswaffen umkommen, sterben in Lateinamerika und - abgesehen von punktuellen Erfolgen - gibt es in den einzelnen Ländern keine praktikablen Lösungen für dieses Problem", stellt das Bündnis CLAVE fest, dem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus ganz Lateinamerika und der Karibik angehören.

“Stilles Sterben der Jugendlichen”

Besorgniserregend sei das “kontinuierliche und stille” Sterben von Jugendlichen auf dem Kontinent, mahnt CLAVE. Grund sei zum einen der Drogenhandel, aber auch die Tatsache, dass Konflikte um Güter, Konflikte zwischen den Geschlechtern, zwischen Nachbarn oder im eigenen Haushalt und sogar Konflikte zwischen Politikern schnell mit der Waffe gelöst werden. Die übliche Antwort des Staates sei dann der massive Einsatz von Sicherheitskräften statt der Suche nach einer gewaltfreien Lösung, kritisiert das Bündnis.

So ist beispielsweise auch in EL Salvador, wo von 1980 bis 1991 ein Bürgerkrieg tobte, die Mordrate alarmierend hoch. Nach Angaben der Polizei sind in dem mittelamerikanischen Staat mit seinen sieben Millionen Einwohnern von Januar bis Oktober 2010 mindestens 3.367 Personen ermordet worden. 2.495 Menschen starben durch Schusswaffen. Dort, wie in Guatemala, ist das Problem der „Maras“ besonders virulent.Maras sind marodierenden Jugendbanden, die auch zunehmend in den Drogenhandel verstrickt sind.

Zu viele Waffen frei im Umlauf

Die tägliche Waffengewalt in Lateinamerika errege angesichts internationaler Konflikte wenig Aufmerksamkeit in den Medien. "Wir wollen nicht, dass die Welt sich daran gewöhnt, dass Tote in Lateinamerika eine Normalität sind, mit der wir leben müssen", so die Vertreter von CLAVE. Sie fordern, dass dem Thema mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird und die politischen Anstrengungen verstärkt werden, “damit wir eine andere Zukunft vor uns haben”.

CLAVE macht für die erschreckend große Zahl von Schusswaffenopfern die hohe Zahl von frei zugänglichen Waffen verantwortlich. Es fehle eine Übereinkunft über den Waffenhandel, die auf internationaler Ebene schon häufig eingefordert worden sei, kritisiert das Bündnis. Positiv wurden die Bemühungen von NGOs des Staatenbundes UNASUR hervorgehoben, die bereits an einer derartigen Übereinkunft arbeiten.

Nur wenige Tage vor der ersten Lateinamerika-Reise des US-Präsident Barack Obama warfen beispielsweise mexikanische Bischöfe den Vereinigten Staaten eine Mitschuld für die 30.000 Toten im Krieg gegen die Drogenmafia vor, berichtete Domradio am 15. März. Die Gleichgültigkeit der US-Behörden gegenüber illegalen Waffenlieferungen aus den USA nach Mexiko sei „unerträglicher Zynismus“, wird dort aus der Stellungnahme der Erzdiözese Mexiko zitiert.

Forderung nach Waffengesetzen in den Staaten

„Eine Waffe? Fast jeder kann auf dem Markt eine Kalaschnikow kaufen, wenn das Geld dafür da ist. Auch Straftäter können das. Wir hatten einen langen Bürgerkrieg in Nicaragua und damals sind viele Waffen ins Land gekommen", erklärt etwa die Frauenrechtlerin Mayra Sirias am Rande eines Kongresses in Deutschland. Die Gewalt gegen Frauen, beklagen Organisationen aus Lateinamerika, werde auch zusehends mit Schusswaffen ausgeübt.

Laut CLAVE fehle zudem eine Kontrolle des Waffenhandels innerhalb der Staaten. Das Abzweigen legaler Waffenimporte auf illegale Wege sei traurige Normalität, so die Organisationen. Erst vor wenigen Wochen hatte dieses Problem auch in Deutschland für Aufregung gesorgt: Der Rüstungskonzern Heckler & Koch hatte Waffen nach Mexiko geliefert, die dann in den „Unruhe-Bundesstaaten“ Chiapas, Chihuahua, Jalisco und Guerrero wieder aufgetaucht sein sollen. Laut deutschem Recht hätten sie dort nicht landen dürfen. Allerdings gibt es in Mexiko eben kein Gesetz, dass den Weitertransport in Krisenregionen verhindert.

Verstärkte Zusammenarbeit mit Afrika

Als wichtigen Schritt erachten die Mitglieder von CLAVE die Erarbeitung eines Rahmengesetzes zu Schusswaffen. Erfreulich sei immerhin, dass die Vorarbeit der Organisationen bereits in Gesetzesinitiativen einfließe. Auch gebe es regionale und multinationale Initiativen der Friedensarbeit, die sehr erfolgreich seien.

Zudem will CLAVE künftig die “Süd-Süd-Zusammenarbeit” zwischen Afrika und Lateinamerika stärken. Beide Weltregionen sähen sich dem Problem von Waffengewalt und einer Vielzahl zirkulierender Waffen unter der Bevölkerung gegenüber, so dass künftige gemeinsame Projekte hilfreich sein könnten.

Autorin: Bettina Hoyer

Tödliche Schüsse

Mindestens 72 hingemetzelte Migranten im mexikanischen Taumalipas im August 2010, über 3.100 Tote in einem Jahr in Ciudad Juárez, einer Stadt mit gerade einmal 1.3 Mio. Einwohnern. Die Regierung Mexikos rief 2006 den Krieg gegen die Drogen aus und erntete eine Welle von Gewalt, der sie mit einem erhöhten Aufgebot von Militär und Polizei begegnete. Mit zweifelhaftem Erfolg. Sicher ist lediglich, dass rund 30.000 Menschen seither Opfer dieses "Krieges" geworden sind. Sowohl ehemalige als auch korrupte diensthabende Polizisten und Militärs mischen mit: als Paramilitärs, in Drogenbanden, als Mittelsmänner. Waffen sind - nicht nur in Mexiko - leicht zu haben und werden auch ohne viel Federlesen benutzt.

CLAVE berät über Ausweg aus Gewaltspirale

Die zunehmende Waffengewalt ist ein Problem in Lateinamerika, dem sich ein Bündnis von Nichtregierungsorganisationen angenommen hat, dass vom 21. bis 23. März in Costa Ricas Hauptstadt San José tagte. Vertreter des lateinamerikanischen Bündnisses zur Prävention von Waffengewalt (CLAVE) berieten dort darüber, wie die Gewalt künftig wieder eingedämmt werden könnte, berichtet die Nachrichtenagentur Adital.

“Mehr als 40 Prozent aller Personen, die in der ganzen Welt durch Schusswaffen umkommen, sterben in Lateinamerika und - abgesehen von punktuellen Erfolgen - gibt es in den einzelnen Ländern keine praktikablen Lösungen für dieses Problem", konstatiert das Bündnis CLAVE, dem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus ganz Lateinamerika und der Karibik angehören, die Dringlichkeit von Problemlösungen.

“Stilles Sterben der Jugendlichen”

Besorgniserregend sei das “kontinuierliche und stille” Sterben von Jugendlichen auf dem Kontinent, mahnt CLAVE. Grund sei zum einen der Drogenhandel, aber auch der Fakt, dass Konflikte um Güter, Konflikte zwischen den Geschlechtern, zwischen Nachbarn oder im eigenen Haushalt und sogar Konflikte zwischen Politikern schnell mit der Waffe gelöst werden. Die übliche Antwort des Staates sei dann der massive Einsatz von Sicherheitskräften statt der Suche nach einer gewaltfreien Lösung, kritisiert das Bündnis.

So ist beispielsweise auch in EL Salvador, wo von 1980 bis 1991 ein Bürgerkrieg tobte, die Mordrate alarmierend hoch. Nach Angaben der Polizei sind in dem mittelamerikanischen Staat, der nur sieben Millionen Einwohner hat, von Januar bis Oktober 2010 mindestens 3.367 Personen ermordet worden, 2.495 Menschen starben durch Schusswaffen. Dort, ebenso wie in Guatemala, ist das Problem der „Maras“ genannten, marodierenden Jugendbanden besonders virulent, die auch zunehmend in den Drogenhandel involviert sind.

Zu viele Waffen frei im Umlauf

Die alltägliche Waffengewalt in Lateinamerika errege angesichts internationaler Konflikte wenig Aufmerksamkeit in den Medien. "Wir wollen nicht, dass die Welt sich daran gewöhnt, dass der Tote in Lateinamerika eine Normalität sind, mit der wir leben müssen", so die Vertreter von CLAVE. Sie fordern, dass dem Thema mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird und die politischen Anstrengungen verstärkt werden, “damit wir eine andere Zukunft vor uns haben”.

CLAVE macht für die erschreckend große Zahl von Schusswaffenopfern die hohe Zahl von frei zugänglichen Waffen verantwortlich. Es fehle eine Übereinkunft über den Waffenhandel, die auf internationaler Ebene schon häufig eingefordert worden sei, kritisiert das Bündnis. Positiv wurden die Bemühungen von NGOs des Staatenbundes UNASUR hervorgehoben, die bereits an einer derartigen Übereinkunft arbeiten.

Nur wenige Tage vor der ersten Lateinamerika-Reise des US-Präsident Barack Obama warfen beispielsweise mexikanische Bischöfe den Vereinigten Staaten eine Mitschuld für die 30.000 Toten im Krieg gegen die Drogenmafia vor, berichtete Domradio am 15. März. Die Gleichgültigkeit der US-Behörden gegenüber illegalen Waffenlieferungen aus den USA nach Mexiko sei „unerträglicher Zynismus“, wird dort aus der Stellungnahme der Erzdiözese Mexiko zitiert.

Forderung nach Waffengesetzen in den Staaten

„Eine Waffe? Quasi jeder kann auf dem Markt eine Kalaschnikow kaufen, wenn das Geld dafür da ist. Auch Straftäter können das. Wir hatten einen langen Bürgerkrieg in Nicaragua und damals sind viele Waffen ins Land gekommen", erklärt etwa die Frauenrechtlerin Mayra Sirias am Rande eines Kongresses in Deutschland. Die Gewalt gegen Frauen, beklagen Organisationen aus Lateinamerika, werde auch zusehends mit Schusswaffen ausgeübt.

Laut CLAVE fehle zudem eine Kontrolle des Waffenhandels innerhalb der Staaten. Das Abzweigen legaler Waffenimporte auf illegale Wege sei traurige Normalität, so die Organisationen. Erst vor wenigen Wochen hatte dieses Problem auch in Deutschland für Aufregung gesorgt: Der Rüstungskonzern Heckler & Koch hatte Waffen nach Mexiko geliefert, die dann in den „Unruhe-Bundesstaaten“ Chiapas, Chihuahua, Jalisco und Guerrero wieder aufgetaucht sein sollen, wo sie laut deutschem Recht, nicht hätten landen dürfen. Allerdings gibt es in Mexiko eben kein Gesetz, dass den Weitertransport in Krisenregionen verhindert.

Verstärkte Zusammenarbeit mit Afrika

Als wichtigen Schritt erachten die Mitglieder von CLAVE die Erarbeitung eines Rahmengesetzes zu Schusswaffen. Erfreulich sei immerhin, dass die Vorarbeit der Organisationen bereits in Gesetzesinitiativen einfließe. Auch gebe es regionale und multinationale Initiativen der Friedensarbeit, die sehr erfolgreich seien.

Zudem will CLAVE künftig die “Süd-Süd-Zusammenarbeit” zwischen Afrika und Lateinamerika stärken. Beide Weltregionen sähen sich dem Problem von Waffengewalt und einer Vielzahl zirkulierender Waffen unter der Bevölkerung gegenüber, so dass künftige gemeinsame Projekte hilfreich sein könnten.

Autorin: Bettina Hoyer