Peru |

Wider den Opferkult

Fast 30 Jahre ist es her, dass Angélica Mendoza auf dem Marktplatz von Ayacucho gegen das Verschwinden ihres Sohnes Arquimedes protestierte. Ihre Angehörigen haben Angélica Mendoza und ihre Mitstreiterinnen nicht wiedergefunden, aber die Kleidungsstücke ihrer verschwundenen oder getöteten Lieben hängen heute im „Museo de la Memoria“ der Opferorganisation ANFASEP in Ayacucho.

Seit dem Erscheinen des Berichtes der Wahrheitskommission vor acht Jahren weiß man in Peru, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem maoistischen „Leuchtenden Pfad“ und der peruanischen Armee 70 000 Opfer gekostet haben, die meisten von ihnen, wie Angelica Mendozas Sohn, quechuasprechende indigene Bauern aus dem Hochland. Im Gefolge des Berichtes der Wahrheitskommission sind an vielen Orten Perus Gedenkstätten für die Opfer des Bürgerkrieges entstanden. Eine Tagung an der Universität Hamburg untersuchte kürzlich, wie Peru das Trauma des Bürgerkrieges verarbeitet und welche Rolle die Gedenkstätten dabei spielen.

Ausländer bauen Museen

Die Museen sehen alle sehr ähnlich aus, sagt Markus Weissert von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung in Berlin: sie stellen Kleidungsstücke und Fotos der Verstorbenen aus sowie Kunsthandwerk, das erlebte Gräuelszenen darstellt. Das Museum der Asociación Nacional de Familiares de Secuestrados, Detenidos y Desaparecidos del Perú (ANFASEP) in Ayacucho ist wie die meisten jüngsten Erinnerungsstätten in Peru nur mit Hilfe der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zustande gekommen. Oft kam sogar die Initiative zum Bau der Gedenkstätten aus dem Ausland.

Die nationale Gedenkstätte, die in Lima nächstes Jahr eingeweiht werden soll, wurde mit Hilfe einer Millionen-Spende der deutschen Bundesregierung erbaut. Dabei wollte die peruanische Regierung das Geschenk zuerst gar nicht annehmen, sagte, es gäbe in Peru wichtigere Dinge als ein Museum. Auch die Opfervereinigungen wurden nicht in das Vorhaben einbezogen. Markus Weissert sieht das Vorhaben des „Lugar de Memoria“ deshalb durchaus skeptisch: „Das ganze ist also eher ein top-down-Elitenprozess mit immer noch sehr offenem Ausgang, was den Erfolg anbelangt.“

Aufarbeitung in Schulen ungenügend

Gerade bei deutschen Initiativen zur Errichtung von Gedenkstätten wird mit dem vorbildhaften deutschen Prozess der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit argumentiert. Eine Argumentation, die laut Weissert, falsch ist. Nicht der Bau von Denkmälern, sondern die Aufarbeitung im Schulunterricht sei für den deutschen Prozess ausschlaggebend gewesen. Und damit sieht es in Peru schlecht aus. „Wenn man in die Gästebücher der Erinnerungsmuseen in Peru schaut, dann stehen dort vor allem Namen von ausländischen Touristen und von Menschenrechtlern“.

In den peruanischen Gedenkstätten werden die Verschwundenen und Toten als unschuldige Opfer dargestellt, die zwischen die Fronten geraten sind. Dabei ist die Wahrheit nicht so einfach. „Es gibt kaum ‚chemisch reine’ Opfer“, sagt Rocio Silva-Santisteban, Literaturwissenschaftlerin und Generalsekretärin des Dachverbandes peruanischer Menschenrechtsgruppen. Sie hat sich mit weiblichen Angehörigen des „Leuchtenden Pfades“ beschäftigt und stellte fest, dass Opfer auch Widerstandsheldinnen oder sogar Täterinnen waren, und Täterinnen auch zu Opfern werden konnten. „Das kann ich aber in Peru noch nicht sagen, die Zeit ist dafür noch nicht reif. Das kann ich nur im Ausland sagen“, bemerkt Silva-Santisteban.

Fortwährende Erinnerung

Vielleicht ist es genau das, was Peru von der deutschen Vergangenheitsbewältigung lernen kann: 30 Jahre sind sehr wenig, um erlittene Traumata zu verarbeiten und ein differenziertes Bild auf die jüngste Gewalt-Geschichte zu werfen. In Deutschland hält die Diskussion darüber, ob im Zweiten Weltkrieg Opfer auch Täter und Täter auch Opfer waren, bis heute an.

Autorin: Hildegard Willer