Bolivien |

Wettlauf der TIPNIS-Märsche

In Bolivien marschieren derzeit über 1500 Bewohner des »Indigenen Territorium Nationalpark Isiboro Sécure« (TIPNIS) Richtung Hauptstadt La Paz. Ziel ist die Annullierung des TIPNIS-Schutzgesetzes Nr. 180, mit dem Präsident Evo Morales jüngst auf Forderungen von Gegnern eines Amazonas-Straßenbau-Projektes eingegangen war.

Schritt für Schritt, mit bolivianischen Flaggen, Rucksäcken und Pfeil und Bogen setzt sich der Protestmarsch von der Kleinstadt Caracollo am Montag in Bewegung. Am Wochenende hatten sich die TIPNIS-Parkbewohner eine Auszeit gegönnt. Seit Wochenbeginn sind die Mitglieder des »Indigenen Rates des Südens« (Conisur) nun wieder auf den Beinen. Auf den weiten Weg nach La Paz haben sich die Indigenen gemacht, um das Ende Oktober letzten Jahres von der Regierung abgeblasene Straßenbau-Projekt zwischen Hochland und Tiefland wieder auferstehen zu lassen.

Straße für besseres Leben

Ganze neun Punkte ist ihr Forderungskatalog lang. Neben Zugang zu Bildung, Gesundheit und einer verstärkten Präsenz der Streitkräfte gegen Drogenmafias und illegalen Holzeinschlag im TIPNIS-Areal ist ihr wichtigstes Anliegen die »sofortige Annullierung von Gesetz Nr. 180«, so Conisur-Sprecher Eleuterio Guzmán. Der Indigene stammt aus dem Süden des Riesen-Naturschutzparkes von der Größe Jamaikas, kennt die Probleme vor Ort. Heute sitzt er für die regierende »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) im Parlament, wirbt für eine Verbesserung der Lebensbedingungen. Für ihn, so Guzmán stellvertretend für die Demonstranten, ist der Bau von Straßen unverzichtbar für die Entwicklung der abgelegenen Region.

Entwicklung versus Umweltschutz?

Diese Ansicht teilen nicht alle Bewohner vom TIPNIS, in dem laut Angaben des letzten Zensus von 2001 rund 5500 Menschen leben. Erst Ende 2011 hatte ein Protestmarsch hunderter TIPNIS-Bewohner weltweite Beachtung geerntet. Männer, Frauen, Kinder und Alte hatten sich damals auf den beschwerlichen Fußweg gemacht. Sie protestierten gegen den Bau einer Straße durch das Natur-Reservat. Auf Drängen der Tiefland-Indigenen-Organisation CIDOB, dem CONAMAQ-Bund einiger Hochland-Gemeinden und einer breiten Allianz ausländisch finanzierter Umweltschutz-Organisationen war gegen die Piste zwischen San Ignacio de Moxos und Villa Tunari mobilisiert worden. Kritiker der ersten direkten Verbindungsstraße zwischen dem Hochland-Departamento Cochabamba und Tiefland-Departamento Beni warnten vor Abholzung, Massen-Besiedlung und Koka-Landwirtschaft, den das »Messer durch den Amazonas« aus Beton mit sich bringen würde.

Morales-Regierung unter Druck

Nach drei aufreibendem Protest-Monaten und der von vielen Hauptstädtern beklatschten Ankunft in La Paz gab Regierungschef Evo Morales schließlich nach und verbot jede Infrastruktur-Maßnahme im jetzt »unberührbaren« TIPNIS. Für Morales war keine Alternative möglich. Bolivien steckte mitten im Wahlkampf, im Dezember standen die ersten Richter-Wahlen des Andenlandes an, zu groß war der Image-Schaden geworden. Viele Minuspunkte hatte die gescheiterte Auflösung des Marsches durch Polizeikräfte eingebracht. Aber auch die Lage vor dem Morales-Amtssitz war zunehmend heikel geworden, vor dem Palacio Quemado hatten aufgebrachte TIPNIS-Verteidiger »Villaroel, Villaroel«-Rufe angestimmt. Politik ist auch in Bolivien ein riskantes Geschäft. 1946 hatte die Opposition die Plaza Murillo vor dem Regierungspalast gestürmt, den amtierenden Präsidenten Gualberto Villarroel López vom Balkon geworfen und ihn an einem Laternenpfahl aufgeknüpft, der US-Geheimdienst CIA hatte seine Finger im Spiel. Spätestens in diesem Moment äußerster Spannung schwenkte der linke Präsident ein. Per Präsidial-Dekret stellte er das TIPNIS-Gebiet unter absoluten Schutz, nachdem Regierungsvertreter wiederholt von »ausländischer Einmischung« gewarnt hatten.

Diskussion zurück auf Null

Findet der CONISUR-Marsch kaum mediale Berichterstattung, so hat er eine noch ausstehende gesellschaftliche Diskussion um den Spagat zwischen Entwicklung und Umweltschutz in Bolivien neu entfacht. Vize-Präsident Álvaro García Linera hatte zuletzt die Bildung einer interfraktionellen Parlaments-Kommission angekündigt, diese ist seit Tagen dabei, die Forderungen des neuen CONISUR-Protestmarsches zu prüfen. Derweil erklärte MAS-Senator Eugenio Rojas, dass eine Annullierung von Gesetz Nr. 180 aus juristischer Sicht »nicht möglich« sei. Allerdings, so sein Angebot an die Straßen-Befürworter, wäre eine »Modifizierung« nach eingehender Prüfung durchaus denkbar. Beim CIDOB-Vorsitzenden Adolfo Chávez schrillen nun die Alarm-Glocken. Man werde über eine »neue Mobilisierung« zur Verteidigung des TIPNIS beraten, so Chávez zu Wochenbeginn. Präsident Morales steht zwischen allen Stühlen. »Früher wurde marschiert, damit eine Brücke oder eine Straße gebaut wird«, wunderte sich der Staatschef auf einer 50-Jahres-Feier der Hochland-Ortschaft Patacamaya. »Heute aber wird demonstriert, um etwas abzulehnen, das verstehe ich nicht, die junge Generation soll darüber urteilen, wer Recht hat«, so der 52jährige.

Autor: Benjamin Beutler