Mexiko |

Wess"€™ Mais ich ess"€™, des Lied ich sing?

Die Wiege des Mais

An den Ähren der gerade mal kniehohen Teosintepflanze im botanischen Garten in Oaxaca hängen winzige Körnchen. Über mehrere tausend Jahre hinweg züchteten indigene Völker in Mittelamerika aus diesem unscheinbaren Süßgras jenen Mais, so wie wir ihn heute kennen: Mit einem hoch aufragenden, kräftigen, meist unverzweigten Stängel und großen Kolben, jedoch in einer unglaublichen Vielfalt: Schwarz, hellgelb, weiß oder dunkelrot leuchten die Kolben in unterschiedlichsten Größen und häufig sind die Maiskolben auch bunt gesprenkelt. Rund 60 Sorten und 200 Herkünfte gibt es in Mexiko.

„Die Vielfalt ist essentiell für unsere Kultur und Lebensweise“, sagt Aldo Gonzales, Leiter der Abteilung für indigene Rechte bei der UNOSJO. Dem Erhalt dieser Vielfalt des Mais, der traditionell in Subsistenzwirtschaft angebaut wird, hat sich der indigene Dachverband UNOSJO mit Sitz in Guelatao, im Bundesstaat Oaxaca, verschrieben: Die Organisation arbeitet in der Sierra Juárez mit 18 Gemeinden des indigenen Volkes der ZapotekInnen zusammen und berät diese in ökologischem Kaffeeanbau, ökologischer Landwirtschaft, Frauenrechten und indigenen Rechten. Die idyllisch anmutende Sierra ist ein unwegsames Gebiet. Die Berghänge sind steil, die Straßen schlecht oder gar nicht erst vorhanden. Die Fahrt in manche Dörfer dauert acht bis 10 Stunden und führt über teils fast unpassierbare Schlammpisten.

In den Dörfern leben die Menschen nach indigenen Rechten und Gebräuchen zusammen und von der Subsistenzwirtschaft. Auf dem lehmigen Boden der oft nur einen halben Hektar großen Felder an steilen Berghängen, wachsen auch Kürbisse und Bohnen zwischen den Maispflanzen. Das ist die Milpa, der für die Region typische Mischanbau, wie er seit Jahrhunderten gepflegt wird. Bei der Milpa dient Mais den Bohnen als Rankhilfe, die Bohnen liefern dem Mais wiederum Stickstoff, während die großen Kürbisblätter den Boden abdecken und damit der Erosion durch Regen und Austrocknung vorbeugen. Überschüsse bei Mais und Kaffee werden verkauft, erzählen die Bauern. Doch vor allem auf den Kaffee zu setzen, sei ein riskantes Unterfangen, da die Preise stark schwanken. Das Saatgut gewinnen die Bauern traditionell aus der eigenen Ernte.

Undeklarierte Genmaisimporte

Doch so entlegen die Sierra auch scheinen mag, im Jahr 2000 fanden dort zwei Forscher der US-amerikanischen Universität Berkeley (Kalifornien), D. Quist und I. Chapela, bei einer Studie zur Klassifizierung einheimischer Maissorten zu ihrer Überraschung genveränderten Mais – obwohl in Mexiko 1998 ein Moratorium verabschiedet worden war, das Aussaat und Anbau von Genmais verboten hatte. Im September 2001 bestätigte die mexikanische Regierung offiziell die Kontaminierung traditioneller Maissorten in der Sierra und 2002 bestätigten Vertreter des Nationalen ökologieinstitutes schließlich, dass der Mais in den staatlichen Lebensmittelverkaufsstellen in der Region verkauft worden war.

Weder auf den Säcken sei der Genmais ausgewiesen worden, noch hätte das Personal in den Verkaufsstellen darauf hingewiesen, dass es sich um gentechnisch veränderten Mais handelte, so Aldo Gonzales: „Nun sagen sie uns, dieser Mais sei kein Saatgut, sondern Korn zur Ernährung. Jedoch säten verschiedene indigene Bauern diesen Mais aus, zum Ausprobieren oder weil sie kein eigenes Saatgut hatten. Im indigenen Weltbild gibt es keine Unterscheidung zwischen einem Maissamen und einem Maiskorn für die Ernährung, seit Jahrtausenden wurde Mais derselben Ernte gesät und gegessen.“ Aldo Gonzales und seine KollegInnen leisten seitdem verstärkt Aufklärungsarbeit in den Dörfern. Sie fordern die Bauern und Bäuerinnen dazu auf, anormal aussehende Maispflanzen auszureißen, stellten Videos ins Internet, verfassten Infoblätter und produzierten Radiosendungen zum Thema. Genveränderter Mais drohe zum einen den Subsistenzkreislauf der Milpa, zum anderen durch Kontaminierung die Vielfalt des Mais für immer zu ruinieren, so Aldo Gonzales. Die Kleinbauern würden in die Abhängigkeit transnationaler Konzerne geraten, die durch ihre Patente auf den Genmais Gebühren fürs Saatgut verlangen würden. Es sei dann nicht mehr möglich, aus der eigenen Ernte kostenlos das Saatgut fürs kommende Jahr zu gewinnen. Dies zerstöre die indigene Kultur, so Gonzales weiter.

Globalisierung in der Sierra Juárez

Nach Angaben der Kommission für Biosicherheit CIBIOGEM gebe es in Oaxaca keinen unbeabsichtigten Anbau von Genmais mehr. Im März 2009 endete allerdings das Moratorium. Der experimentelle Anbau von 24 gentechnisch veränderten Maissorten ist im Land bereits erlaubt worden. Die Regierung teilt Mexiko in so genannte „Ursprungsregionen des Mais“, in denen der experimentelle Anbau zum Schutz der einheimischen Sorten verboten ist, und solche, in denen sie den Anbau erlaubt. Der Norden, der angeblich kein Ursprungsgebiet sei, ist gleichzeitig auch die Region, wo die industrielle Landwirtschaft vorherrscht. Gegen diese künstliche Einteilung protestieren die GegnerInnen der Gentechnik und wenden ein, dass ganz Mexiko Ursprungsgebiet des Mais sei. Darüber hinaus halten sie eine Koexistenz von einheimischen Sorten und gentechnisch verändertem Mais im Land für eine Illusion.

Auf dem IX. Forum „Globalisierung und die Lebewesen der Sierra Juárez“ in Santa Gertrudis am 7. Februar 2010, organisiert von der UNOSJO, sprechen mexikanische ExpertInnen aus Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftler, Lehrer, Frauenrechtlerinnen und Mitglieder einer Delegation des Bündnis Gentechnikfreies Hohenlohe zu den mehr als 100 TeilnehmerInnen. Kleinbauern und -bäuerinnen aus der Sierra, viele StudentInnen und SchülerInnen sind unter den ZuhörerInnen. Die Importe aus den USA, erklärt dort bspw. Ana de Ita vom Zentrum für Studien für den Wandel des Ländlichen Raums in Mexiko CECCAM, seien das Einfallstor für Genmais. Seitdem 1994 das Freihandelsabkommen für NAFTA in Kraft trat, werde Mexiko mit billigen, subventionierten Maisimporten aus den Vereinigten Staaten überschwemmt.

Für die Gemeinden in der Sierra sei das ein großes Problem, betont Aldo Gonzales im Gespräch. Die Arbeit auf den kleinen, oft an verschiedenen Berghängen gelegenen Feldern ist hart, der Lebensstandard niedrig, der Zugang zu Bildung fehle in vielen Gemeinden. Ihnen komme daher die Jugend abhanden, die in die Stadt oder gleich in die USA abwandert, was das dörfliche Sozial- und Arbeitsgefüge auf den Kopf stelle. Weitere Redebeiträge über die Konzessionsvergabe für Bergbauprojekte und für Wasserressourcen, Naturschutz, der zur Zwangsumsiedelung von Indígenas führt, sowie über Staudammprojekte in der Sierra verdeutlichen, dass es den Akteuren nicht nur um den Mais geht, sondern um die Wahrung der indigenen Rechte und um Partizipation. „Wir werden gemeinsam mit anderen daran arbeiten, dass wir das Erbe unserer Vorfahren an unsere Kinder und Enkel weitergeben können“, so Aldo Gonzales.

Autorin: Bettina Hoyer