Mexiko |

"€žWenn wir den Männern das Feld überlassen, ändert sich nichts"€?

Eine Walze planiert das trostlose Stückchen Wüstenerde. Arbeiter türmen Steine zu einer Mauer aufeinander. Bald wird nicht mehr viel übrig sein vom ehemaligen Baumwollfeld in Ciudad Juárez. Vergessen und zubetoniert, die unbequemen Erinnerungen an ein schwarzes Kapitel der Stadtgeschichte.

Auf dem Baumwollfeld wurden 1993 die ersten zerstückelten Frauenleichen gefunden. „Erst eine, dann zwei, dann wurden es immer mehr“, erinnert sich die Stadtchronistin Myrna Pastrana, eine Kämpferin gegen das Vergessen. „Alle jung, schlank, mit langen Haaren.“ Alle grausam gefoltert, vergewaltigt und anschließend achtlos in die Wüste geworfen. Bis heute sind es über 500 – und keiner weiß, warum sie sterben mussten und wer die Mörder waren. Denn längst gehen die Frauenmorde unter in der Statistik des blutigen Drogenkrieges, den sich die Kartelle um die strategisch wichtige Grenzstadt liefern, und in dem Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen ihr Leben lassen. Ein Grauen verdrängt das andere.

Der Staatsapparat funktioniert nicht

Die Männer haben augenscheinlich resigniert. Als die ersten Frauenleichen auftauchten, erklärte der damalige Gouverneur, das passiere Frauen, die nachts in kurzen Röcken durch dunkle Strassen gingen. Die Staatsanwälte und Ermittler, die weniger als fünf Prozent der Morde überhaupt vor Gericht bringen, verstecken ihre Unfähigkeit hinter dem Schutzschild der „Anonymität aus Sicherheitsgründen“. Präsident Felipe Calderón hat mehrere tausend Soldaten geschickt, um in der Höhle des Löwen für Ordnung zu sorgen – erfolglos.

Die Unternehmer der örtlichen Sweatshops klagen und betteln bei der Zentralregierung um Steuererleichterungen; Bürgermeister Hector Murgía, dessen ehemaliger Sicherheitschef wegen Drogenhandel in den USA einsitzt, bedauert das schlechte Image seiner Stadt, hat es aber bis heute nicht geschafft, das fast fertig gebaute öffentliche Schnellbusnetz zum Laufen zu bekommen.

Frauen machten den ersten Schritt

„Wenn wir den Männern das Feld überlassen, wird sich hier nie etwas ändern.“ Zu dem Schluss kamen die Frauen. In den 90er Jahren machten die Mütter der ermordeten Mädchen den Auftakt und gründeten die ersten Menschenrechtsgruppen der Stadt. Auch heute sind es wieder die Frauen, die den Mund aufmachen, sich aufbäumen gegen Resignation und Angst und versuchen, der gebeutelten Stadt ein menschenfreundlicheres Antlitz zu geben. Schwestern, Freundinnen und Mütter der Opfer des Drogenkriegs campieren vor Gericht und sammeln Unterschriften, damit die Justiz endlich für Recht und Gerechtigkeit sorgt. Künstlerinnen wie Susana Molina gründen Mädchen-Rap-Bands und singen gegen die Gewalt. Ärztinnen wie Leticia Chavarria zwingen mit Streiks die Polizei dazu, die Krankenhäuser zu bewachen, damit die Verletzten wenigstens dort vor Nachstellungen der Killerkommandos geschützt sind.

Auch die Putzfrau Blanca Estela Camargo ist dabei. Auf dem blauen Dodge Caravan der Familie prangt der von einer Bürgerbewegung entworfene Sticker „Stoppt das Blutvergießen.“ Ihr Viertel, Villas de Salvárcar, ist eine der besseren Arbeitergegenden in der Millionenstadt: schmucke Vorgärtchen, gut gepflegte Häuschen, vor vielen stehen alte Amischlitten und Motorräder. Die meisten Familien arbeiten in den nahegelegenen Sweatshops, schrauben für Billiglöhne Elektronikartikel zusammen oder nähen Klamotten für den US-Markt.

Bandenkrieg ist nicht immer gleich Bandenkrieg

Doch vor einem Jahr hielt das Grauen auch hier Einzug. Ein Killerkommando richtete ein Blutbad unter den Jugendlichen an, die im Gemeinschafszentrum eine Party feierten. 18 starben im Kugelhagel. Auch Blancas ältester Sohn Horacio; er stand kurz vor dem Abitur. Offenbar hielt das Kommando die Party für das Fest einer verfeindeten Gang. „Der Schmerz zerfraß mich“, schildert die robuste, schwarzhaarige Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat, um ihren beiden Jungs etwas Besseres bieten zu können. Doch fast noch größer als der Schmerz war die Wut auf den Präsidenten, der in einer Pressekonferenz leichtfertig das Massaker als „Bandenkrieg“ bezeichnet hatte.

Blanca und die anderen Mütter stellten ihn zur Rede – und erreichten, dass in Salvárcar heute der modernste Sportplatz der Stadt steht. Fußball- und Baseballfelder, Basketballkörbe, ein Gemeinschaftszentrum. Blanca gehört zum Nachbarschaftskomitee, das die neue Anlage verwaltet. „Horacio bekomme ich so zwar nicht zurück, aber ich kann etwas für die Jugendlichen hier tun, ihnen dabei helfen, nicht vom richtigen Weg abzukommen. Vielleicht bleibt ihnen so Horacios Schicksal erspart“, sagt die Mittvierzigerin.

Die rote Zone

Riberas del Bravo hingegen wirkt gottverlassen. Der offene Abwasserkanal fließt mitten durch das Viertel am Stadtrand. Um in die Schule auf der anderen Seite zu kommen, müssen die Kinder über ein Rohr balancieren. Manch einer ist schon in die stinkende, schwarze Brühe gefallen und ertrunken. Die noch nicht einmal zehn Jahre alten Sozialbauten sind schuhschachtelgroß, schlecht verarbeitet und heruntergekommen. Jedes dritte Haus ist verlassen, die Familien sind vor der Gewalt geflohen. Das Viertel gilt als „rote Zone“. Der Spielplatz ist zur Hälfte überschwemmt – die Drainage hat noch nie richtig funktioniert. Einige der Metallgeräte sind kaputt.

Doch all das schreckt Gaby Beltrán nicht. Die 35-jährige Schauspielerin schleppt Stühle und Lautsprecher von einem Ende des Platzes zum anderen, stets umgeben von einer Schar Kinder. Heute findet hier die Uraufführung des Puppentheater-Stücks „Die Blumenvase“ statt. Ein halbes Jahr lang haben die Kinder aus Riberas del Bravo zusammen mit Gaby das Stück geschrieben, die Marionetten gebastelt und den Text einstudiert. Stolz führt die zehnjährige Zaida López ihre Marionette vor und rattert ihren Text herunter. Sie wolle Schauspielerin werden, sagt das zierliche Mädchen entschlossen. „Zaida ist richtig aufgeblüht“, freut sich Mama Isela Calamaco. „Und jetzt wird der Park wieder genutzt, vorher hatten wir Angst, die Kinder alleine rauszuschicken.“

So viele Leute auf einem Haufen wie heute sind ungewöhnlich in einer Stadt, in der die Menschen gelernt haben, den Nächsten zu meiden so gut es geht – man weiß ja nie. Normalerweise bilden sich größere Trauben nur noch bei Morden. Deshalb rückt sogar die Polizei an. Mit drei Pick-ups und schwer bewaffneten Uniformierten. Als sie sehen, dass ein Kindertheater der Anlass für die Zusammenkunft ist, ziehen sie schnell wieder ab. Einer der Polizisten winkt den Kindern zum Abschied freundlich zu.

Autorin: Sandra Weiss, Ciudad Juárez