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Weniger Anti und mehr Pro

Das 10. Weltsozialforum geht in Porto Alegre zu Ende. Eine Rückschau.

Sie waren noch da, die roten Fahnen, die Che Guevara T-shirts, die Palästinensertücher und die Verteufelungen alles dessen, was nach Rechts und Kapitalismus riecht. Aber die pragmatischen Realos unter den Vertretern der Zivilgesellschaft haben bei der 10. Ausgabe des Weltsozialforums im südbrasilianischen Porto Alegre an Gewicht gewonnen. Weniger Politworthülsen, dagegen die ernsthafte Suche nach neuen Allianzen auch mit der Wirtschaft und den traditionellen politischen Gegnern - das erste Weltsozialforum nach der tiefen Krise des globalisierten Kapitalismus verlief anders als von vielen eigentlich erwartet.

"Die sozialistischen Erfahrungen haben zu dem selben Resultaten geführt wie das perverse kapitalistische Modell." Marina Silva, ehemalige Umweltministerin der Regierung Luiz Inacio Lula da Silva und nun Kandidatin der brasilianischen Grünen für das Staatsamt bei den Wahlen im Oktober, will den dritten Weg statt der Polarisierung. "Zwischen Schwarz und Weiß, zwischen gut und böse gibt es stets Nuancen." Gemeinsam mit dem portugiesischen Soziologen Boaventura de Sousa Santos hatte Marina Silva kurz vor dem Ende des fünftägigen Weltsozialforums noch ihren mit Spannung erwarteten Auftritt.

"Radikal angewandte Demokratie" als Ausweg aus den Krisen?

Doch was konkrete Vorschläge und einen politischen Diskurs mit Schlagkraft angeht, ist ihr der Portugiese um Längen voraus. Boaventura predigte eine radikal angewandte Demokratie als Ausweg aus den Gegenwartskrisen. In Porto Alegre verteidigte er seine Mitbestimmungsmodelle wie das partizipative Staatsbudget, bei dem der Bürger selber über die Verwendung seiner Steuergelder bestimmt. "Eine radikale Demokratie muss ihren Platz in den Fabriken, auf den Feldern, den Straßen, den Schulen und überall sonst haben. Wenn Sie mich fragen was der Sozialismus des 21. Jahrhunderts sei so würde ich sagen es ist die uneingeschränkte Demokratie."

Kritik an Lula

Boaventura, der auf dem Forum auch illegale Landbesetzungen im Dienste der Agrarreform als legitim verteidigte, ist in seiner Radikalität fast schon eine Ausnahme. Neu war ebenfalls die teilweise ungewohnt harte Gangart mit der Brasiliens Präsident Lula da Silva, ein treuer Wegbegleiter des Forums, kritisiert wurde. Seine Pläne zur massiven militärischen Aufrüstung Brasiliens, sein Bündnis mit den multinationalen Agrarunternehmen, das Zögern bei der Durchführung der Agrarreform, die "langsamer vorankomme als eine schlafende Schildkröte", so Landlosenführer Joao Pedro Stedile - genug Stoff für Proteste.

"Es gibt keinen tiefen ideologischen Unterschiede zwischen den linken und rechten Projekte zur Privatisierung der Gemeingüter," analysierte Camila Moreno von der NGO "Terra dos Direitos", die sich für die Rechte von Kleinbauern und gegen die Monopolisierung von landwirtschaftlichen Produktionsgütern wie Pflanzsamen durch Großkonzerne einsetzt. "Dies erlaubt alle möglichen Konstellationen von Allianzen und erklärt auch wieso ausgerechnet die Regierung Lula Gen-Pflanzen freigegeben hat." In der politischen Linken, geprägt von "Europäern die in Lateinamerika ihren neuen Fetisch gefunden haben", herrsche dieser Einsicht gegenüber aber eine "generelle Blindheit einer ganzen Generation" vor, so Moreno.

Aufruf zur Solidarität mit Haiti

Besagter Lula war als einziger Staatschef auf das Forum gekommen, auf dem er vor gut 10.000 Sympathisanten sprach. Dabei kritisierte er die Industrienationen ausgiebig für die von ihnen verursachte Klima- und Finanzkrise. Zudem betonte Lula dass es Brasilien sei, dass das zerstörte Haiti am tatkräftigsten unterstütze. Dabei hätten Franzosen, Engländer und US-Amerikaner Haiti gegenüber immer noch eine historische Schuld zu begleichen. Der Präsident rief die Zuhörer auf dem haitianischen Volk bis zum nächsten Weltsozialforum im Januar 2011 im senegalesischen Dakar ihre Solidarität zukommen zu lassen. Dann, so der Präsident, werde man eine Bilanz der Wiederaufbauarbeit ziehen.

Tendenz zu Regionalforen

Überhaupt war das Forum in Porto Alegre eher eine Vorbereitung auf Dakar als ein wirkliches Weltsozialforum. Eher könnte man aufgrund der symbolischen Bedeutung - immerhin wurde hier das Forum ins Leben gerufen - von dem wichtigsten Regionalforum sprechen, einem von gut 30 weiteren, die dieses Jahr weltweit stattfinden. So war der Zuschauerzuspruch mit etwa 30,000 Besuchern dann auch dürftiger als in den letzten Jahren. Doch der Wechsel von einem zentralen Weltsozialforum zu dezentralisierten Regionalforen entspricht der Idee der Organisatoren. "Letztlich erreichen wir so viel mehr Menschen," meint Francisco Whitaker, einer der drei Gründerväter des Forums.

An neuem Geist hinter dem Weltsozialforum mangelt es also nicht. Nach zehn Jahren Forum, meint Candido Grzybovski, wie Whitaker einer der ersten Stunde, zeige die Tendenz des Forums klar zu "weniger Anti und mehr Pro." Der "dekonstruktive Diskurs" solle gegen klare Vorschläge ersetzt werden. Das Ziel bleibt jedoch das alte: "Eine andere Welt ist möglich."

Autor: Thomas Milz