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Wegen Mordes angeklagter Polizist wird Polizeichef

Die Landesregierung Sao Paulo hat einen wegen 73-fachen Mordes angeklagten Polizisten zum neuen Leiter der Spezialtruppe "ROTA" ernannt. Der 48-jährige Salvador Modesta Madia ist einer von 116 Angeklagten im Prozess um das sogenannte Carandiru-Massaker. Bei der Niederschlagung einer Häftlingsrevolte im Carandiru-Gefängnis in Sao Paulo im Oktober 1992 wurden insgesamt 111 Häftlinge getötet. Bisher ist erst ein beteiligter Polizist verurteilt worden.

Insassen des Gefängnisses gaben die Zahl der Toten mit mindestens 250 an. Dafür gibt es jedoch keine Beweise. Madia und 28 weitere Polizisten seiner Einheit sind angeklagt, bei der Erstürmung des Gefängnisses 73 Gefangene ermordet zu haben.

Der für die Polizeieinheiten im Bundesstaat Sao Paulo verantwortliche Sekretär für öffentliche Sicherheit, Antonio Ferreira Pinto, rechtfertigte die Ernennung Madias. "Die Carandiru-Episode gehört der Vergangenheit an", sagte Pinto. "Wir können jemanden nicht für etwas verantwortlich machen, das fast 20 Jahre zurückliegt und noch nicht von der Justiz geklärt ist. Dies hat nichts mehr zu tun mit der heutigen Realität."

Vor Gericht verantworten musste sich bisher lediglich der damalige Einsatzleiter, Coronel Ubiratan Guimaraes. Er wurde 2001 für den Tod von 102 der 111 getöteten Gefangenen für schuldig befunden und zu 632 Jahren Haft verurteilt. Eine zweite Instanz sprach ihn 2006 frei, bevor er seine Haft angetreten hatte. Kurz darauf wurde Guimaraes unter nicht vollständig geklärten Umständen ermordet.

Die "ROTA" ist eine 820 Mann starke Sondereinheit der Polizei, die bei der Bekämpfung von Geiselnahmen und Unruhen sowie im Kampf gegen Drogenkriminalität eingesetzt wird. Ihre Mitglieder sind bekannt für ihr teilweise brutales Vorgehen. Laut Angaben der Polizei wurden im Jahre 2010 insgesamt 57 Menschen bei Aktionen der ROTA erschossen. Im laufenden Jahr kamen bis Oktober 59 Personen bei Einsätzen der Polizei ums Leben.

Quelle: KNA