Mexiko |

Was machte Mexiko zu dem, was es heute ist?

Dass Lateinamerika mit seiner riesigen Ausdehnung von Mexiko bis Feuerland zu einem großen Teil spanisch geprägt ist, ist kaum mehr als eine Binsenweisheit, die viel Raum für Widerspruch lässt. Die Hispanisierung Lateinamerikas verlief keineswegs überall gleichförmig. Ihr wird heute in zahlreichen Ländern durch Programme zur zweisprachigen Erziehung und die Auseinandersetzung mit der präkolumbischen Vergangenheit entgegengewirkt. Für eine Beschäftigung mit den Entwicklungslinien der Geschichte Mexikos – den spanischen wie den nicht-spanischen – sorgt eine lesenswerte Veröffentlichung des bekannten Autors Carlos Fuentes.

„Die Mexikaner stammen von den Azteken ab, wir Argentinier stammen vom Schiff.“ Mit diesem Zitat des argentinischen Schriftstellers Martín Caparrós eröffnet Carlos Fuentes den Textreigen eines dicken Lesebuchs mit Auszügen aus seinem umfangreichen Werk. Der 1928 geborene Fuentes traf die Auswahl bereits im Jahr 2000, doch erst jetzt liegt die Sammlung unter dem Titel „Die fünf Sonnen Mexikos“ in deutscher Sprache vor. Das Buch bietet neben einem Einstieg in Carlos Fuentes´ schriftstellerische Arbeit auch eine Beschäftigung mit der Geschichte seines Heimatlandes – von der Landung der Spanier unter Hernán Cortés bis zum Aufstand in Chiapas in den 1990ern.

Nebenfiguren aus der Konquista

Dabei interessiert den Autor vor allem die Frage, wie Mexiko aus einer Vermischung aztekischer und europäischer Linien entstehen und sich ausformen konnte. Fuentes macht einige reale Nebenfiguren der Konquista zu Figuren seiner Erzählungen. So lässt er zwei Söhne des Eroberers Cortés, die beide Martín hießen, ein langes Zwiegespräch führen. Doch während der eine ein ethnischer Spanier ist, stammt der andere Martín aus einer Verbindung zwischen Cortés und einer Indianerin. Welcher Sohn erringt im brüderlichen Wettstreit die Deutungshoheit und – weiter gefragt – wird sich zukünftig die „reine“ spanische Kultur oder die der Mestizen in der Kolonie durchsetzen? Das gleiche Thema wird in einer anderen Geschichte aus der Perspektive einer Gebärenden erzählt: Ihr Kind wird sowohl weiß als auch dunkelhäutig sein. Die Frau pocht darauf, dass ihr Baby das erste sein wird, das die unterschiedlichen Attribute der Eltern vereinigt.

Carlos Fuentes verweist auch auf Gegensätzlichkeiten, die zunächst unvereinbar erscheinen. In einer phantastischen Story erwirbt ein moderner Mexikaner ein Götzenbildnis aus alter Zeit. Die kleine Figur erwacht zum Leben und terrorisiert ihren Besitzer. „Europa hat für immer das Antlitz dieser neuen Welt zerkratzt“, heißt es an einer Stelle des Buches. Dann wieder wird spekuliert, welche Auswirkungen eine fiktive Eroberung durch die Azteken auf Spanien und Europa gehabt hätte.

Chronik der mexikanischen Revolution

Das zweite große Thema des Lesebuches, das über weite Strecken den Charakter einer literarischen Geschichts-Chronik besitzt, stellt die mexikanische Revolution zu Anfang des 20. Jahrhunderts dar. In einer spannenden Montage aus mehreren Kurzgeschichten werden anhand unterschiedlicher Figuren – eine Hauptfigur pro Revolutionsjahr – wichtige Aspekte der Aufstände und des Bürgerkrieges behandelt: Einmal ist es die Geschichte des jungen Leutnants Cruz, der während eines Kampfes den sprichwörtlichen Faden verliert. Er weiß nicht mehr, wo er ist und was er tun muss. Einzig eine junge Frau, mit der er eine Affäre hat und die ihm an die Kriegsschauplätze hinterher reist, vermag ihm seelische Stabilität zu geben. In einer weiteren Geschichte treten ein pensionierter Gringo-Offizier und ein mexikanischer General auf. Hier treffen exemplarisch die beiden Nachbarn USA und Mexiko aufeinander – beide Staaten wurden innerhalb weniger Jahrzehnte unabhängig, nahmen im 19. Jahrhundert jedoch gänzlich unterschiedliche Entwicklungen.

Am Ende der Textauswahl kehrt Carlos Fuentes wieder zu den mythischen Quellen Mexikos zurück. Gemeinsam mit den von der Historie inspirierten Episoden sind sie die Ausgangspunkte seines vielgestaltigen, sprachlich äußerst mächtigen Erzählwerks.

Autor: Thomas Völkner

Carlos Fuentes: Die fünf Sonnen Mexikos. Ein Lesebuch für das 21. Jahrhundert. Frankfurt/M.: S.Fischer 2010. 543 Seiten. 22,95 Euro. ISBN 978-3-10-020754-8.