Haiti |

Warten auf den Durchbruch

Port-au-Prince. Noch immer beherrschen die Trümmer das Straßenbild, noch immer stehen die Menschen unter Schock: Hundert Tage nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar sucht Haiti einen Weg zurück in die Normalität. Doch die Naturkatastrophe hat sich tief in die Seele der Haitianer eingebrannt. Ihre Bilanz ist auch heute noch erschütternd: 220.000 Tote, rund 3 Millionen betroffene Menschen und eine völlig zerstörte Infrastruktur.

Doch rund zwölf Wochen nach dem Beben gibt es auch Hoffnung: "Viel ist auf den Weg gebracht worden", sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas International nach seinem jüngsten Aufenthalt auf der leidgeprüften Karibikinsel. "Den Hilfsorganisationen ist es gelungen, den Ausbruch von Seuchen zu verhindern und die Überlebenden zumindest mit dem Nötigsten zu versorgen. Wir haben Notunterkünfte bereitgestellt und eine medizinische Grundversorgung organisieren können."

Und doch - so sagt Müller - liegt eine gespannte Ruhe über dem Land. "Der humanitäre Durchbruch ist noch nicht gelungen." Viele Fragen sind noch ungeklärt. So verzögert sich der Bau neuer Unterkünfte, weil oft noch Trümmer auf den Plätzen liegen, wo neue Häuser entstehen sollen und nicht klar ist, wem das Grundstück gehört. Doch Müller warnt vor blindem Aktionismus: "Wir müssen mit den Menschen vor Ort den Aufbau gemeinsam starten." Das Erdbeben habe auch die Zivilgesellschaft "verschüttet". Um einen nachhaltigen Erfolg sicherzustellen, gehe deshalb ein koordiniertes Engagement vor Schnelligkeit.

Die Zusammenarbeit der vielen Hilfsorganisationen untereinander klappt nun deutlich besser: Logistik und Organisation sind effektiver aufeinander abgestellt, als noch in den ersten chaotischen Tagen nach dem Erdbeben. Oft haben sich die Helfer auf bestimmte Themengebiete spezialisiert, wie die Organisation "Save the Children", die mehr als 200 sogenannte "Baby-Zelte" im Land aufgestellt hat. "Die Baby-Zelte dienen als Anlaufstelle für die medizinische Versorgung und Beratung von Schwangeren, Müttern, Babys und Kleinkindern", berichtet Sprecherin Maya Dähne. Die Akzeptanz dieses Angebots ist enorm, weil die Mütter für ihre Kinder in den Zelten einen optimalen Schutz finden.

Viele Organisationen haben die Zeit genutzt, um sich vor Ort einen Überblick zu verschaffen und längerfristig wirksame Hilfsmaßnahmen zu planen. Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat wird allein in den nächsten drei Jahren rund sieben Millionen Euro zur Verfügung stellen: Außer in Hilfen zur Trauma-Arbeit werde vor allem in die Infrastruktur sozialer Einrichtungen investiert, berichtet Thomas Wieland.

Trotz der enormen Anstrengungen sind nicht alle Löcher zu stopfen: Am Dienstag schlug der haitianische Bischof Juan Mendez Alarm: Rund 450.000 Familien im Norden Haitis leiden unter einer akuten Hungersnot. Gemeinsam mit seinem Amtsbruder Diomedes Antonio Espinal de Leon aus der Dominikanischen Republik forderte der Bischof von Fort Liberte, Chibly Langlois, ein Sofortprogramm für die notleidenden Menschen in der Grenzregion. Die lokale Landwirtschaft sei nicht in der Lage, die vielen Flüchtlinge zu versorgen.

Soviel scheint einstweilen festzustehen: 100 Tage nach dem Beben ist bislang erst ein Anfang gemacht, mehr nicht. "Es wird noch Jahre dauern, bis die notwendigen Strukturen hergestellt sind", sagt Oliver Müller und rechnet mit einem langfristigen Engagement der Hilfsorganisationen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Aufbauarbeit vor Ort noch etwa zwei bis fünf Jahre dauern wird."

Autor: Tobias Käufer (kna)