Brasilien |

Wahlen in Absurdistan

"Was ein Abgeordneter im Abgeordnetenhaus so macht? In Wahrheit hab ich keine Ahnung. Aber wähl mich und dann erzähle ich es Dir." Der Tanzbär im Clownskostüm inklusive blonder Perücke könnte nach den allgemeinen Wahlen am 3. Oktober als Abgeordneter mit den meisten Stimmen im Abgeordnetenhaus in Brasilia sitzen. Tiririca, so sein Künstlername, ist ein bekannter Fernsehwitzbold, der nach neuesten Umfragen bis zu einer Million Stimmen erreichen dürfte. "Mama hat mir gesagt, dass es eine gute Idee sei, mich aufstellen zu lassen," erklärt er in seinem Werbespot. Und gestattet sich einen Seitenhieb auf die etablierte politische Elite des Landes: "Wählt Tiririca, schlimmer als es jetzt schon ist kann es nicht mehr kommen."

Politik "einen neuen Anzug verpassen"

Bei den Wahlen treten hunderte abstruser Figuren an. Viele, so hat man den Eindruck, wollen lediglich die ihnen gesetzlich zustehende Sendezeit im Fernsehen nutzen, um bekannt zu werden. Und die, die bereits berühmt sind, nutzen ihren Bekanntheitsgrad, um einen Platz im Kongress zu erlangen.
Neben Tiririca könnte so demnächst auch Ronaldo Esper im Abgeordnetenhaus sitzen, ein TV-erprobter schrulliger Modedesigner, der bisher eher in den Klatschspalten der Boulevardblätter auftauchte. Landesweite Berühmtheit erlangte er als er eine Friedhofsvase von einem Grab entwendete - das Design hatte ihm so gut gefallen. Jetzt will er der brasilianischen Politik "einen neuen Anzug verpassen".

Parteien setzen auf bunte Persönlichkeiten

Viele Parteien setzen auf bunte Persönlichkeiten wie ehemalige Fußballstars um Stimmen zu gewinnen. So tritt das Weltmeister-Sturmduo von 1994, Romario und Bebeto, genauso an wie Vampeta, Weltmeister von 2002. Mit Cameron Brasil wirbt auch eine bekannte Porno-Darstellerin um Stimmen für den Einzug ins Bundesparlament in Brasilia. Dafür hat sie sich die Legalisierung der Homo-Ehe auf ihre Fahnen geschrieben. Aus den Playboy-Ausgaben auf die Stimmzettel haben es zudem die "Mulher Pera" (Die Frau mit den Pfirsich-Formen) und die "Mulher Melao", die "Melonen-Frau" geschafft. Für mehr Aufsehen als die beiden sorgte jedoch die Kandidatur von Andreia Schwartz für das Landesparlament in Espirito Santo. Schwartz leitete einen Prostituiertenring in den USA. Dort führten ihre Aussagen 2008 zum Rücktritt des Gouverneurs von New York, Eliot Spitzer, der die Dienste von Schwartz Angestellten genutzt hatte.

Durchaus ernsthafte Kandidaten

Sänger Kiko von der Boy-Group KLB, Fernsehprediger und Prostituierte - dem Wähler stehen am 3. Oktober eine ganze Reihe ungewöhnlicher Kandidaten zur Auswahl. Nicht immer lässt sich aus der bunten Vergangenheit der Kandidaten jedoch schließen, dass man sie nicht ernst nehmen darf. So zeigt sich der Schlagersänger Netinho, der auch eine TV-Show moderiert, als durchaus ernsthafter Kandidat mit fundierten politischen Überzeugungen. Netinho, der für die kommunistische Partei PCdoB kandidiert, teilt sich in Sao Paulo derzeit die Wahlkampfauftritte mit Noch-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva und dessen Kandidatin Dilma Rousseff. Und mit Gabriela Leite, einer ehemaligen Prostituierten die sich heute für die Rechte der Frauen einsetzt, haben die Grünen in Rio de Janeiro eine kompetente Kandidatin aufgeboten.

"Ich verspreche nichts"

Tiririca jedenfalls sieht seiner Zukunft als Abgeordneter gelassen entgegen. Die blonde Perücke, so hat man ihm schon gesagt, dürfe er im Parlament nicht mehr tragen. Genau wie sein Clownskostüm. Einsetzen für die Armen aus dem stets vernachlässigten Nordosten wolle er sich, so Tiririca. Dass dies schwierig wird, ahnt er jedoch bereits. "Deshalb verbreite ich auch keine konkreten Ziele und verspreche nichts." Immerhin hat sich seine Partei Tiriricas Wahlkampf gut drei Millionen Reais kosten lassen, etwa 1,3 Millionen Euro. Die Ernte wird sie am Wahltag in Form von einer Million Stimmen einfahren.

Autor: Thomas Milz