El Salvador |

Waffenstillstand der Maras - Mordrate mehr als halbiert

In El Salvador hat ein Waffenstillstandspakt zwischen den beiden größten Jugendbanden (´Maras´) die Zahl der Morde mehr als halbiert. Experten sprechen von einer historischen Chance, das Problem der ausufernden Gewalt in dem zentralamerikanischen Land nachhaltig zu lösen.

Die Anführer der ´Mara Salvatrucha´ (MS-13) und der Gang ´Barrio 18´ hatten das von der katholischen Kirche und Nichtregierungsorganisationen vermittelte Abkommen bereits am 9. März im Hochsicherheitsgefängnis von Zacatecoluca (´Zacatraz´) im zentralen Departement La Paz unterzeichnet. Inzwischen wurden die Mara-Chefs als Gegenleistung für ihre Einwilligung in weniger restriktive Haftanstalten überstellt.

Die Waffenruhe zwischen den Banden hat die Zahl der Morde von durchschnittlich 14 auf sechs pro Tag gesenkt und in der Bevölkerung Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale geweckt. Mit 70 solcher Gewaltverbrechen pro 100.000 Einwohner gehört El Salvador zu den Ländern mit der weltweit höchsten Mordrate. Allein im letzten Jahr wurden in dem 6,2 Millionen Menschen zählenden Land 4.374 Morde begangen. Unterschiedliche Studien belegen, dass die Bevölkerung die ausufernde Gewalt als das größte Problem ihres Landes betrachtet.

Sicherheit hängt von gutem Willen der Bandenchefs ab

Experten fürchten jedoch, dass die Waffenruhe nicht von Dauer sein wird. Eine Sicherheitspolitik, die allein vom guten Willen der Bandenchefs abhänge, berge Risiken, meinte dazu der ehemalige Guerillakommandant Dagoberto Gutiérrez. "So müssen wir uns fragen, wie lange sich die Mitglieder der landesweit operierenden Gangs an die Anweisung ihrer Chefs halten werden." Ein weiteres Problem ist auch, dass die Maras ihren anderen kriminellen Aktivitäten wie Entführungen und Lösegelderpressungen nicht abgeschworen haben.

"Wir sind uns bewusst, dass wir nicht gottgefällig gehandelt haben, und im Namen meiner Organisation bitte ich die Gesellschaft um Entschuldigung und um die Chance, uns zu bessern", sagte der Chef der MS-13, Dionisio Umanzor, während einer Messe am 26. März im Gefängnis von Ciudad Barrios im östlichen Bezirk San Miguel.

Bandenchefs in offenere Haftanstalt verlegt

Am 14. April berichtete der salvadorianische Staatspräsident Mauricio Funes seinen Amtskollegen auf dem Sechsten Amerika-Gipfel in Kolumbien, dass sich an diesem Tag etwas "Beispielloses" in seinem Land zugetragen habe. So sei es zu keinem einzigen Mord gekommen. Am Ende desselben Tages hatte die Gewalt in El Salvador ein Menschenleben gefordert.

Wie aus einem Bericht der Online-Tageszeitung ´El Faro´ hervorgeht, hatte die Regierung der Verlegung der Bandenchefs in weniger restriktive Haftanstalten zugestimmt. Der Funes-Administration zufolge hatte man damit der Bitte von Unterhändler Bischof Fabio Colindres entsprochen. Gegenüber IPS erklärte der Bischof: "Meine Petition hat ein Echo ausgelöst und zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit dem Problem der Kriminalität geführt."

Gewalt aus US-Städten importiert

Die Maras haben ihre Wurzeln in Los Angeles und anderen US-Städten der 1980er Jahre. Armut und Ausgrenzung trieben junge zentralamerikanische Einwanderer in die Arme krimineller Gangs. Das Problem der Gewalt wurde dann durch die Deportation der Migranten in ihre Herkunftsländer ´exportiert´.

"In den USA gab es für mich keine Chancen, also schloss ich mich 1978 einer Bande in Los Angeles an. Als ich mich dann in El Salvador wieder fand, gab es für mich keine beruflichen Perspektiven", erinnert sich Luis Romero, ein ´Aussteiger´, der inzwischen die Organisation ´Homies Unidos´ (Vereinigte Kumpel) leitet. Homies Unidos unterstützt ausstiegswillige Bandenmitglieder bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

"Auf eine solche Gelegenheit warten wir seit Jahren"

Romero zufolge ist die Waffenruhe zwischen den beiden Maras die größte Chance für das Land, einem Phänomen entgegenzuwirken, das von den Regierungen des Landes traditionell mit einer Politik der harten Hand bekämpft wurde. "Auf eine solche Gelegenheit warten wir seit Jahren. Sie ist ein Hoffnungsschimmer."

Für Jeannette Aguilar vom Meinungsforschungsinstitut der Zentralamerikanischen Republik gibt der Rückgang der Mordrate zwar Anlass für Hoffnung. Sorgen bereitet ihr jedoch, dass die positive Entwicklung nicht auf politische Maßnahmen wie Prävention und Wiedereingliederung zurückzuführen ist. "Ein Problem, wie wir es in El Salvador erleben, lässt sich nur durch eine nachhaltige Verfahrensweise lösen", mahnt sie.

Ausstiegswilligen Bandenmitgliedern Reintegration in Gesellschaft erleichtern

Staatspräsident Funes hatte am 28. März alle Sektoren der salvadorianischen Gesellschaft aufgefordert, an einem nationalen Abkommen mitzuwirken, das darauf abzielt, ausstiegswilligen Bandenmitgliedern bei der Reintegration in die Gesellschaft zu helfen. Der Appell richtet sich vor allem an die Unternehmen, den traditionell diskriminierten Gruppen Ausbildungen und Jobs anzubieten.

Das Ministerium für Sicherheit und Justiz kündigte Mitte April den Start eines 20 Millionen US-Dollar teuren Ausbildungsprogramms für Häftlinge an. Die Maras selbst schlugen vor, ihre gesellschaftliche Wiedereingliederung mit den 42 Millionen Dollar zu finanzieren, mit denen der Staat den Transportsektor subventioniert. Der Vorschlag löste bei den Transportunternehmen, die zusammen mit ihren Mitarbeitern zu den Hauptzielscheiben der Gewalt der Maras gehörten, Empörung aus.

Autor: Edgardo Ayala, deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann, Quelle: IPS

Der 2008 von IPS interviewte ´Pandilla-18´-Anführer ´Puppet´. Foto: Luis Galdámez/IPS