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Wachstumsmotor Mittelschicht "€“ Vor Krisen kaum gefeit

In Lateinamerika hat die bürgerliche Mitte maßgeblich zum regionalen Wirtschaftswachstum beigetragen. Deshalb ist es nach Ansicht einer neuen Studie des OECD-Entwicklungszentrums dringend geboten, die krisenanfällige Mittelschicht zu festigen.

Nach Erkenntnissen des ´Lateinamerikanischen Überblicks 2011´ haben 39 Prozent aller Chilenen mittlerer Einkommen nicht in ein Rentensystem eingezahlt. In Brasilien und Mexiko liegt der Anteil bei 52 respektive 67 Prozent und in Bolivien sogar bei 95 Prozent. Dieses Manko führt die 33 Mitgliedstaaten zählende Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) darauf zurück, dass viele Angehörige der Mittelschicht im informellen Sektor arbeiten, der ihnen keinen sozialen Versicherungsschutz bietet. Nicht einmal die Hälfte der in diesem Bereich Beschäftigten ist sozialversichert.

In der Regel besteht einer direkter Zusammenhang zwischen einer großen und relativ wohlhabenden Mittelschicht und einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, mehr Gleichheit und weniger Armut. Doch ein hoher Grad an Arbeitsinformalität, eine geringe Abdeckung durch Sozialversicherungsprogramme und begrenzte finanzielle Ressourcen zur Verbesserung öffentlicher Leistungen könnten den Wachstumsmotor Mittelschicht zufolge ins Stottern bringen.

Aus diesem Grund sei es wichtig, dass die lateinamerikanischen Staaten dafür sorgten, die Anfälligkeit der bürgerlichen Mitte für negative wirtschaftliche Entwicklungen zu verringern und noch mehr Menschen den sozialen Aufstieg zu ermöglichen, schreibt das OECD-Entwicklungszentrum in seinem Report.

Bildung als soziale Aufstiegsleiter

Bildung ist den Autoren der Studie zufolge der sicherste Weg, um Kindern den Zutritt zu den sozial und wirtschaftlich besser gestellten Sphären zu ebnen. Allerdings schneiden die lateinamerikanischen Bildungssysteme im internationalen Vergleich relativ schlecht ab.

Um den Niedergang der Mittelschicht zu verhindern, empfiehlt das OECD-Entwicklungszentrum den lateinamerikanischen Regierungen den Ausbau sozialer Sicherheitsnetze. Darüber hinaus müssten die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und Bildung verbessert und der Sozialpakt durch die Verbesserung staatlicher Versorgungsleistungen in den Bereichen Gesundheit und Bildung gefestigt werden.

Um die sozialen Aufstiegschancen der Lateinamerikaner zu erhöhen, empfiehlt die Studie den Regierungen, in die frühkindliche Bildung zu investieren und die Unterrichtsqualität an den öffentlichen Schulen zu verbessern. Zudem sei es wichtig, mehr jungen Menschen den Zugang zum tertiären Bildungsbereich mit Hilfe von Darlehen zu ermöglichen.

Das OECD-Entwicklungszentrum würdigte zudem die Widerstandsfähigkeit der lateinamerikanischen Volkswirtshaften gegenüber den negativen Folgen der Weltfinanzkrise. Die globale Krise 2009 habe die lateinamerikanischen Volkswirtschaften zwar erheblich getroffen. Dennoch hätten sie im Vergleich zu vorangegangenen Krisen bemerkenswert gut abgeschnitten. Der Studie zufolge hatte Chinas nachhaltige Nachfrage nach lateinamerikanischen Rohstoffen einen erheblichen Anteil daran.

Autor: Richard Johnson, Quelle: IPS-Weltblick