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Vorzensur oder bessere Presse?

Mexikos Medien vereinbaren Richtlinien für Berichterstattung über Drogenkrieg. Kritiker sehen darin ein „Versuch der Oligopole, die Information zu beeinflussen“.

Mehr als 60 Medien haben in Mexiko Richtlinien zur Berichterstattung über die Gewalt und den Drogenkrieg beschlossen. Das am Donnerstag in einem feierlichen Akt im Anthropologischen Museum von Mexiko-Stadt unterzeichnete Abkommen hat zum Ziel, Gewalt nicht zu verherrlichen, nicht als Sprachrohr der Drogenkartelle missbraucht zu werden und die Berichterstattung zu vereinheitlichen und zu professionalisieren.

Gleichzeitig solle damit die Pressefreiheit, die heute bedroht sei, sichergestellt werden. Zu den Leitlinien gehört, Stellung zu beziehen gegen die Gewalt, sich nicht zum unfreiwilligen Sprecher der Kartelle zu machen, die Information in den richtigen Zusammenhang zu stellen und sie nicht überzudimensionieren, Verdächtige nicht vorschnell zu verurteilen, Informationen über Opfer und Minderjährige mit Sorgfalt zu behandeln, die Bevölkerung zur Denunziation anzuhalten, nicht durch vorschnelle oder sensible Informationen die Kriminalitätsbekämpfung zu stören und solidarisch zu sein bei Bedrohungen oder Angriffen auf Reporter und Medien.

Gefährliches Land für Journalisten

Mexiko gehört zu den gefährlichsten Ländern für Journalisten, alleine 2010 wurden zwölf Presseleute ermordet. Deshalb wurde auch vereinbart, künftig die Berichte über den Drogenkrieg zu anonymisieren, gemeinsam Teams zu den Tatorten zu schicken uns keine live-Übertragungen von besonders gewalttätigen Schauplätzen mehr zu machen. Ausserdem sollen Journalisten ihre Sprachwahl sorgfältig überprüfen, um keine Termini der Gangstersprache zu übernehmen.

UN-Hochkommissar für Menschenrechte begrüßt die Vereinbarung

Zu den Unterzeichnern gehören neben NGOs und Unternehmerverbänden die beiden größten Medienkonzerne TV Azteca und Televisa, die Milenio-Gruppe, El Universal, Excelsior sowie zahlreiche Regionalzeitungen und Radiosender. Sowohl der UN-Hochkommissar für Menschenrechte als auch Präsident Felipe Calderón begrüßten die Vereinbarung. Calderón sprach von einem „bedeutenden Schritt, der die Pressefreiheit und die Verantwortung der Medien für ihr Land und das nationalen Interesse in Einklang“ bringe. Die Regierung hat wiederholt die „sensationalistische Berichterstattung“ über Mexiko kritisiert.

Kritik an „Vorzensur“ und falsche Ausgangsbasis

Einige der großen Medien wie die Zeitungen Reforma und Jornada sowie die Zeitschrift Proceso und der Radiosender MVS unterzeichneten das Dokument jedoch nicht, da sie darin eine „Vorzensur“ sahen – was die Unterzeichner weit von sich wiesen.

Auch Balbina Flores von Reporter ohne Grenzen kritisierte die dem Abkommen zugrunde liegende Hypothese, die Bedrohung der Pressefreiheit käme nur vom Organisierten Verbrechen. „Das ist eine sehr einseitige Auffassung, denn für mehr als 60 Prozent der Übergriffe auf Journalisten sind die Behörden und der Staat verantwortlich.“

Der Drogenexperte und Universitätsprofessor Edgardo Buscaglia bezeichnete das Abkommen als „Versuch der Oligopole, die Information zu beeinflussen“. „Wenn sie wirklich an die Informationsfreiheit glauben, würden sie dafür sorgen, dass ihre Journalisten besser Bescheid wissen. Denn Mexiko hat kein Drogenproblem, Mexiko hat multinationale Verbrecherkonsortien, nur recherchiert das keiner.“

Autorin: Sandra Weiss, Puebla