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Vom Tagelöhner zum Eigentümer

Der Petén ist Guatemalas Wilder Norden. Einst Hochburg des Mayareiches von Tikal trennt hier nur eine imaginäre Linie mitten im Urwald Guatemala von Mexiko. Dünn besiedelt und voller Schätze für den, der sie zu bergen weiss: Erdöl, Edelhölzer, hunderttausende Hektar Farmland. Die Hauptstadt und ihre Gesetze sind weit weg. Ein Paradies für Pioniere und Abenteurer – und für die Mafia, die Drogen, Migranten und Waffen durch das unwirtliche Hinterland schleust. Dass man im Petén schnell zu Reichtum kommen kann, hat sich längst herumgesprochen. In den drei zusammengewachsenen Städten des Petén, San Benito, Santa Elena und Flores, entstehen Luxushotels, klimatisierte Einkaufsmalls und Prachtboulevards. Dafür wird der Urwald mit einer der artenreichsten Tier- und Pflanzenwelten Lateinamerikas in rasantem Tempo abgeholzt - für Viehfarmen, ölpalmen, Ackerland und illegale Landepisten für die Kleinflugzeuge der Drogenmafia. 40 Prozent des Regenwaldes, dem letzten Lebensraum der Jaguare, sind nach der Schätzung von Umweltorganisationen bereits unwiderruflich verloren.

Umweltpreis für nachhaltige Forstwirtschaft

Dass es auch anders geht, dafür ist Raquel Armando Quixchan ein Beispiel. Der 58jährige ist ein Nachfahr der Maya und fühlt sich noch deren ganzheitlicher Weltsicht verbunden. „Wir leben seit Generationen mit und vom Wald“, sagt er. „Während die Zugewanderten ihn nur als Schlüssel zum schnellen Geldverdienen sehen und dann wieder verschwinden.“ Quixchan ist 58 und einer der Gründer von Afisap, einer Genossenschaft, die 2011 für ihre nachhaltige Forstwirtschaft mit dem UN-Umweltpreis ausgezeichnet wurde.

„Am Anfang war es schwierig, wir hatten weder Maschinen noch ein eigenes Büro als wir uns 1997 auf eine staatliche Konzession für die Bewirtschaftung von 52.000 Hektar Wald in der Pufferzone des Maya-Biosphärenreservats bewarben“, erinnert sich Quixchan. Mehrfach wurde ihr Antrag deshalb abgelehnt. Doch die Indigena-Bauern liessen nicht locker – bis sie schliesslich im Jahr 2000 Erfolg hatten. In den ersten Jahren wurden fast alle Gewinne reinvestiert in Maschinen, ein Büro, eine Sekretärin. Einige Nicht-Regierungs-Organisationen halfen bei der Buchhaltung und kleineren Anschaffungen. „Es waren manchmal sehr harte Diskussionen, aber letztlich haben alle begriffen, dass wir hier etwas aufbauen wollen, von dem auch unsere Kinder und Enkel noch profitieren“, erzählt Quixchan. Deshalb hat Afisap eine eigene Baumschule. Für jeden geschlagenen Baum werden bis zu 25 neue gezogen. Nur so kann das Projekt auf Dauer funktionieren. Bis ein Baum gross genug ist, um gefällt und verkauft zu werden, vergehen 40 Jahre. Es gibt noch weitere Auflagen: 100 Meter links und rechts von Quellen und Flussläufen darf kein Baum gefällt werden, auch vom Staat ausgewiesene, mutmassliche archäologische Stätten sind tabu.

USA, Japan und Dominikanische Republik sind Hauptabnehmer

In der Zentrale der Genossenschaft in San Andrés herrscht trotz der stechenden Sonne und der schwülen Hitze Geschäftigkeit. Überall auf dem Gelände sind Holzlatten zum Trocknen aufgestellt – beige, braune, orangerote, fast schwarze. Zwölf verschiedene, kommerziell zu nutzende Hölzer wachsen im Petén, darunter Zedern und Mahagoni. Gerade hat ein Holzlaster frisch geschlagene Stämme angeliefert, in der Schreinerei werden sie getrocknet und zu Brettern verarbeitet. Nebenan binden flinke Frauenfinger dekorative Bündel aus der einheimischen Xate-palme, die für Ziergestecke exportiert wird. Auch das Holz geht zum Grossteil in den Export. Die USA, Japan und die Dominikanische Republik sind die Hauptabnehmer. 250 km muss die Fracht über Land transportiert werden bis zum nächsten Hafen Santo Tomás del Castillo. Und im Haupthaus der Genossenschaft, das als Büro dient, werden die Besucher mit Honig aus der ebenfalls angeschlossenen Imkerei beköstigt oder können den Naturkaugummi aus Kautschuk probieren. „Toll, was der Wald alles hergibt“ sagt Milton Sinturión stolz.

Der 39jährige ist derzeit Präsident von Afisap und gehört zur jungen Generation, die vor kurzem die Gründergarde an der Führungsspitze abgelöst hat. „Wäre Afisap nicht, wäre ich sicher in eine der grossen Städte gegangen, denn als Tagelöhner hier im Petén zu schuften ist keine Alternative“, betont der joviale, kräftige junge Mann. Die andere Möglichkeit verschweigt er diskret: für die Drogenhändler zu arbeiten, denn die zahlen besser als die traditionellen Grossgrundbesitzer - und auch besser als Afisap, wo die Mitglieder zwischen 63 und 100 Quetzales (6-10 Euro) täglich verdienen, gerade etwas mehr als der Mindestlohn. Das Lohnniveau wird jedes Jahr auf einer Versammlung gemeinsam festgelegt. „Wichtig sind aber die anderen Vergünstigungen“, betont Sinturión. „Eine Lebens- und Krankenversicherung, Geschenkkörbe zu Weihnachten, Stipendien und Schulmaterialien.“ So kann Sinturión Forstwirtschaft studieren, andere sind Ingenieure oder Buchhalter.

Zukunft statt Gewinnmaximierung

170 Mitglieder zählt die Genossenschaft, aber von ihr hat letztlich das ganze Dorf profitiert. Denn ein Teil der Überschüsse die – nach Abzug von Investitionen und Lohnkosten - bei rund 600.000 Quetzales jährlich (58.000 Euro) liegen - geht in Gemeinschaftsprojekte wie den Bau einer Krankenstation oder die Renovierung der Dorfschule. Ausserhalb von San Andrés unterhält Afisap einen kleinen, für die Region typischen Bauernhof, auf dem die Baumschule ist und Schulkindern die einheimische Fauna und Flora nahegebracht wird. Unter den schattigen Bäumen der „Finca El Triunfo“ ist es einige Grad kühler als auf den Viehweiden rund um San Andrés. Hier hat Eduardo Quixchen das Sagen. Der 60jährige kennt jeden Stein und jeden Strauch. „Früher war ich Tagelöhner, jetzt bin ich Miteigentümer“, sagt er. Stolz zeigt er die helle, rissige Rinde der majestätischen Zeder, den Stamm des Kautschukbaums, der eine weisse, klebrige Flüssigkeit absondert, den Pfefferbaum mit den schmalen, grünen Blättern und den scharfen Körnern.

Nächstes Projekt der Genossenschaft ist eine Schreinerei, in der Möbel fabriziert und Schreinerkurse für die Dorfjugend angeboten werden sollen. Afisap sei ein überzeugendes, ganzheitliches Konzept, das nicht nur den Wald schütze und nachhaltig bewirtschafte und damit international zum Klimaschutz beitrage, sondern das auch die Lebensbedingungen eines Dorfes verbessert habe, hiess es in der Laudatio des UN-Umweltprogramms (UNDP). Das Geheimnis des Erfolgs? Raquel Quixchan blättert nachdenklich in seinem speckigen Notizbuch und sagt dann: „Wir haben in die Zukunft gedacht und das persönliche Gewinnstreben hinten angestellt.“

Autorin: Sandra Weiss