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Vieques - Der verseuchte Hinterhof der USA

„Krabbeninsel“ nannten die britischen Besatzer das etwa 13 Kilometer östlich der Hauptinsel Puerto Rico gelegene Eiland in der nordöstlichen Karibik. Die mit 300 Metern höchste Erhebung heißt „Piratenberg“ und die Insel habe „einige der schönsten Strände der Karibik zu bieten“, verspricht ein Reisemagazin im Jahr 2003. Zu der Zeit hatte die US-Armee nach mehr als 60 Jahren gerade damit aufgehört, so ziemlich alles auf die Insel fallen zu lassen, was es an Giften gibt: Napalm, Agent Orange oder - zuletzt 1999 - auch abgereichertes Uran. Etwa zwei Drittel der ungefähr 135 Quadratkilometer großen Insel waren ab 1941 militärisches Sperrgebiet. Ob ein Urlaub auf Vieques daher wirklich so eine gute Wahl wäre?

Anfang August erneuerte das Komitee für die Rettung und Entwicklung der Insel Vieques (CPRDV) seine Forderung an die Regierung von US-Präsident Obama und die Gesundheits- und Umweltbehörden nach einer kompletten Beseitigung von Umweltschäden auf der Insel. Außerdem erfordere der schlimme Gesundheitszustand vieler Inselbewohner unverzügliches Handeln der Behörden. Viele leiden an Krebs, die Rate sei etwa 30 Prozent höher als auf der Hauptinsel Puerto Rico, Kindersterblichkeit und Schwermetallwerte seien ebenfalls höher, berichten US-Medien unter Berufung auf unabhängige Studien.

Mehr als 7.000 der etwa 9.000 Einwohner haben im Jahr 2007 eine Sammelklage gegen die Regierung angestrengt, weil diese ihre Gesundheit durch die Militäraktivitäten geschädigt habe, berichten US-Medien. Bisher sei die Klage jedoch mit der Begründung abgewiesen worden, dass die Regierung Immunität genieße. Während die hochgradige Kontaminierung der Umwelt mit Giftstoffen an sich nicht bestritten wird, war die US-Behörde für Giftsubstanzen und Krankheitsregistrierung ATSDR bis Ende 2009 der Auffassung, dass die Umweltverschmutzung keine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstelle. Diese Position werde jedoch noch einmal überprüft, berichtete die New York Times im November vergangenen Jahres. Die Behörde habe Fehler in ihren Studien festgestellt.

Anlass für das neuerliche Statement der CPRDV war hingegen der Ortsbesuch der Leiterin der Regionalstelle der US-Umweltschutzbehörde Judith Enck in Begleitung des Gouverneurs von Puerto Rico am 2. August. Enck hatte bei dieser Gelegenheit erklärt, die Beseitigung der Umweltschäden komme angesichts der starken Kontaminierung gut voran. Die Marine schätze die Kosten der Aufräumarbeiten an Land, die bis zum Jahr 2022 abgeschlossen sein sollen, auf etwa 400 Mio. US-Dollar. Enck unterstrich, dass mit der Reinigung von verseuchten Gewässern noch nicht begonnen worden sei, heißt es in einem Artikel der Online-Ausgabe von Primera Hora.

Schließung des Stützpunkts nach Todesfall

Nach dem Tod eines puertoricanischen Zivilangestellten bei einer Bombenabwurfübung im Jahr 1999 erreichte formte sich in Puerto Rico eine starke Protestbewegung, die eine sofortige Schließung des militärischen Stützpunktes forderte und wichtige Punkte der Insel als „lebende Schutzschilde“ ein Jahr lang besetzt hielt. Nach der Niederschlagung des Protests wurden die Manöver im Mai 2000 zunächst wieder aufgenommen, bevor die US-Regierung im Jahr 2003 dem anhaltenden Druck nachgab. Teile der Insel wurden damals zu Naturreservaten erklärt. Die Bundeswehr führte zumindest bis 1999 Schießübungen auf dem Nato-Stützpunkt durch, wie aus Parteianfragen im Bundestag hervorgeht.

„Es freut uns sehr, die Aufräumarbeiten zu sehen, denn dafür haben wir gekämpft", wird Armando Torres von der CPRDV in der Presserklärung des Komitees zitiert. Die Insel müsse so hinterlassen werden, wie man sie 1940 vorgefunden habe. Auf der zu Hawaii gehörenden Insel Kaho´olawe, die ebenfalls jahrelang als Bombenabwurfplatz gedient hatte, habe die US-Marine zwar auch 400 Mio. US-Dollar in die Beseitigung der Schäden investiert, sie habe mit diesem Geld jedoch nicht einmal 10 Prozent des verseuchten Geländes gereinigt, das außerdem wesentlich kleiner gewesen sei, als die kontaminierten Gebiete auf der Insel Vieques, gibt er zu Bedenken.

Der Beauftragte von Puerto Rico in Washington, Pedro Pierluisi, der im Frühjahr 2009 noch für Empörung sorgte, als er eine erneute militärische Nutzung der Insel vorschlug, hat Ende Juli dieses Jahres neue Pläne im Weißen Haus vorgetragen: „Eine grüne Insel“ solle Vieques werden, die unter anderem ihre Energie aus Wind- und Sonnenenergie gewinne, berichtet die Online-Ausgabe von Elnuevodia am 20. Juli. Einstweilen zündet die US-Marine unter den skeptischen Augen der Einwohner beim Aufräumen Blindgänger und überzählige Munition und betont, dass dies vollkommen ungefährlich sei.

Autorin: Bettina Hoyer