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"Viele verstehen nicht, was es bedeutet, alles zu verlieren"

Ruben Garcia von "Annunciation House" bewahrt jeden Tag Hunderte Migranten davor, mittellos auf den Straßen der texanischen Grenzstadt El Paso zu landen - für ihn ein Akt der Nächstenliebe.

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Der Zaun bei Ciudad Juárez wird von US-amerikanischen Grenzbeamten rund um die Uhr bewacht. Foto: Adveniat/Ole Schmidt  

Kurz nach sechs Uhr morgens verschickt Ruben Garcia seine erste Nachricht. "Bereitet Euch auf die Ankunft von 100 Flüchtlingen vor", schreibt er an Alyssa Gillis. Sie verwaltet am Stadtrand von El Paso 55 Zimmer in einem Motel, die Garcia kürzlich gemietet hat. Mit einem kurzen "OK" bestätigt die Spanisch-Lehrerin den Eingang der Nachricht. Sie weiß, was zu tun ist.

Rund 100.000 Geflüchtete erreichen monatlich die Grenze

Seit Gillis im Januar ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub nahm und als freiwillige Helferin von South Carolina nach El Paso kam, stieg die Zahl der Migranten aus Zentralamerika Woche für Woche. Zugleich nahmen die sozialen Probleme in der texanischen Grenzstadt am Rio Grande zu. Inzwischen kommen täglich mehrere hundert Menschen hier an, um an, oder hinter der Grenze, einen Asylantrag zu stellen. Weder der Zaun, der El Paso von seiner mexikanischen Schwesterstadt Ciudad Juarez trennt, noch die Grenzpolizei schrecken die Ankömmlinge ab. Zu schlimm sind offenbar Gewalt und Hoffnungslosigkeit, die viele Familien ihre Heimat in Guatemala, Honduras oder El Salvador verlassen lässt. Während US-Präsident Donald Trump nicht müde wird, eine "Invasion" von "Illegalen" aus dem Süden anzuprangern, handelt es sich oft um Menschen, die auf legalem Weg Asyl in den USA beantragen wollen. Die US-Grenzbeamten nehmen sie beim Übertritt fest und bringen sie bis zu einer ersten Befragung in Camps unter, die im Jargon der Insassen "Hielaras" (Eistruhen) genannt werden.

Unter der Brücke geschlafen

Die Customs and Border Patrol ist mit dem Zustrom von durchschnittlich 100.000 Menschen pro Monat überfordert. In El Paso noch mehr als andernorts entlang der 2.000 Meilen langen Grenze. Kürzlich drängten die US-Beamten mehr als 1.200 Menschen hinter Maschendrahtzaun unter die Paso-del-Norte-Grenzbrücke. Ervin (42) verbrachte mit seiner 15-jährigen Tochter drei Tage unter der Brücke. "Es war schlimmer als die Flucht durch Mexiko", sagt der Honduraner, der die ganze Zeit nicht schlafen konnte. Eine Rettungsdecke half weder gegen die nächtliche Kälte noch gegen harten Schotter auf dem Boden. Er habe Hunger gehabt und Angst vor Ratten. "Niemals", versichert er, hätte er es für möglich gehalten, in den USA so empfangen zu werden.

Der "Engel von El Paso"

Bei den freiwilligen Helfern im "Annunciation House" lernte Ervin ein anderes Amerika kennen. "Ihr seid frei", begrüßte man ihn in der Lobby des Motels, wo ihn die Beamten zusammen mit anderen rund hundert Migranten abgesetzt hatten. Für Gillis und ihr Team ist so etwas Routine. Sie informieren die verunsicherten Menschen darüber, was nun mit ihnen passiert. "Das ist ein schöner Moment", sagt Gillis. Sie schäme sich dafür, "was mein Land mit diesen Menschen macht". Tatsächlich tut die Regierung nach Registrierung der Asylbewerber nicht sonderlich viel für die Betroffenen. Ohne das "Annunciation House" landeten sie ohne Geld, Telefon oder Unterkunft einfach auf der Straße. Wie die 150 Menschen, die Garcia, bekannt als "Engel von El Paso", am Tag vor Heiligabend an einer Busstation einsammelte.

Seit er das "Annunciation House" vor mehr als vier Jahrzehnten gründete, hat sich der Bewunderer von Mutter Teresa und Papst Franziskus dieser Aufgabe verschrieben. Nie zuvor kamen so viele Menschen wie zurzeit. Zuletzt versuchte er, an einem einzigen Tag eine Bleibe für 850 Menschen zu finden. Garcia mietete Zimmer in mehreren Motels und baute ein Warenlager zu einer Aufnahmeeinrichtung für Migranten um. Gillis und ihre Mitstreiter sorgen dafür, dass die Neuankömmlinge Kontakt zu ihren Angehörigen oder Gönnern halten können, die für sie Bus- oder Flugtickets kaufen. Bis dahin sorgen die Helfer für Unterkunft und Verpflegung. "Ich glaube, viele verstehen nicht, was es bedeutet, alles zu verlieren", sagt Garcia. Niemand könne sich von der Pflicht freisprechen, Flüchtlingen zu helfen. "Es gibt keinen Glauben, der nicht vorschreibt, sich um die Fremden, Vernachlässigten und Zurückgewiesenen zu kümmern." Garcia, Gillis und die anderen Freiwilligen tun das - bis zur Erschöpfung, sieben Tage in der Woche.

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