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Vertrauen in das Leben gemeinsam wiederfinden

Delfina Raucana glaubt fest daran, dass Traumata der Mutter mit der Muttermilch weitergegeben werden. Die 41-jährige Frau aus den peruanischen Anden hat für diese Erkenntnis keine Psychologie studiert, sondern weiß dies aus eigener Erfahrung: „Als meine Mutter mit meinem kleinen Bruder und seinem Zwilling schwanger war, wurde sie von Soldaten niedergeschlagen“. Eines der beiden Babys starb nach der Geburt, der heute 22-jährige Bruder, so Delfina Raucana, leide bis heute an diesem „Schreck“, diesem Trauma. Er sei oft krank, vergesse vieles und habe es schwer im Leben.

Gut 20 Jahre ist er nun her, der Bürgerkrieg, der Delfina Raucanas Familie und zigtausend weiterer Bauernfamilien aus ihren Dörfern in den Anden vertrieb und an den Rand der Hauptstadt Lima spülte. Zwischen der maoistischen Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“ einerseits und Armee und Polizei anderseits aufgerieben, blieb gerade den Frauen oft nichts anderes übrig, als sich auf dem Feld zu verstecken.

„Mein Vater war Bürgermeister“, erzählt die heute 49-jährge Felicitas Loayza. „Deshalb stand er zuvorderst im Blickfeld des Leuchtenden Pfads und dann der Soldaten. Und wir alle mit ihm. Sie kamen und nahmen die jungen Männer einfach mit, wir Frauen wurden von den Soldaten vergewaltigt, wir versteckten uns in der Nacht weit draußen auf dem Feld“. Felicitas Loayzas sonst so kraftvolle Stimme wird leise, wenn sie sich an diese Schrecken erinnert. „Mama Quilla“, die Mutter Mond, wie man in Quechua sagt, war damals die einzige, die sie beschützte, wenn sie des Nachts auf die weite Pampa flüchteten.

Heute wohnen Felicitas und Delfina im Stadtviertel „Huaycán“ ganz am Rande der Großstadt Lima, mitten in der Wüste. Und Mama Quilla ist der Name des Vereins der Bürgerkriegsopfer, den die beiden Frauen in Huaycán leiten. Jeden Dienstag treffen sie sich mit Frauen, denen ähnliches widerfahren ist, im Lokal der Volksküche. Rund dreißig Frauen sitzen auf einfachen Holzbänken im Kreis, einige haben kleine Kinder dabei, andere sind schon älter und tragen ihre Haare noch in langen Zöpfen, wie dies auf dem Land üblich war. Es wird gekichert und gelacht und viel gesprochen, alles im heimatlichen Quechua und nicht in Spanisch, das sonst in Lima gesprochen wird.

Felicitas Loayza eröffnet die Sitzung und bittet um Ruhe. Die Frauen planen Ende September schon für das Weihnachtsgeschäft. Sie fertigen Stoffbilder und kleine Stofftaschen an, die sie vor Weihnachten verkaufen wollen, um damit ein kleines Einkommen zu erwirtschaften. Die Frauen haben keinen Beruf erlernt, mussten sich in der Stadt notdürftig einrichten, lernen, dass man Wasser in der Wüste kaufen muss, und man nicht einfach zur Quelle gehen kann, erzählt Felicitas von jenen Tagen.

Materielle Armut ist bis heute das schlimmste Problem der Bürgerkriegsopfer. „Wir waschen fremde Wäsche oder gehen putzen“, erzählt Felicitas Loayza, „einen Beruf haben wir nicht gelernt“. Umso mehr legen sich die Frauen ins Zeug, damit ihre Kinder eine bessere Ausbildung bekommen. Doch die ist in Peru in den wenigsten Fällen kostenlos. Seit Jahren kämpfen die Frauen von „Mama Quilla“ zusammen mit anderen Bürgerkriegsflüchtlingen, dass der peruanische Staat sie als Opfer anerkennt und ihren Kindern aufgrund des Vertriebenenstatus eine kleine Rente oder Schulstipendien bezahlt.

Bisher hat der Staat diesbezüglich nur leere Versprechungen gemacht – aber Frauen wie Felicitas Loayza geben nicht auf, beim Staat ihre Rechte einzuklagen. Der Bericht der Wahrheitskommission hat die Anliegen der Opfer und der Vertriebenen aufgenommen, aber bisher hat der peruanische Staat die Empfehlungen auf Reparationszahlungen für die Opfer nicht umgesetzt.

„Die meisten Flüchtlingsfrauen leben auch heute noch in extremer Armut“, weiß die Italienerin Fiorenza Fattorini zu berichten. Die Laienschwester von der „Fraternidad Santo Espíritu“, lebt seit 19 Jahren in Huaycán, das zur Diözese Chosica im Osten Limas gehört. Immer wieder besucht sie die Frauen, hat sie ermuntert, bei der Wahrheitskommission ihre Zeugenaussage zu machen, sich zu organisieren. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie präsent das Geschehene bei den Frauen noch ist, und wie wenig sie darüber geredet haben“. Auch 20 Jahre nach erlittener Gewalt und Flucht, sind die Traumata noch nicht verarbeitet. „Sobald die Rede auf Gewalttaten kommt“, erzählt Fiorenza, „reagieren viele Frauen noch sehr schreckhaft und meinen, die vergangene Gewalt könne sie jederzeit wieder ereilen“. Auch nach 20 Jahren ist höchstens die Hälfte der Frauen von Mama Quilla wieder besuchsweise in ihr Heimatdorf zurückgekehrt – obwohl es dort heute absolut sicher ist. „In gewisser Weise hat der Leuchtende Pfad und die Armee bereits vorhandene machistische Gewaltmuster verstärkt“, weiß Fiorenza zu berichten. Diese Gewaltmuster haben die Frauen manchmal so sehr verinnerlicht, dass sie diese wiederum an ihre Kinder weitergeben.

Von Seiten der Kirche, kann Fiorenza die Frauen behutsam begleiten, Angebote machen zur Integration in die Pfarrgemeinde, auch Angebote zur psychologischen Betreuung, sofern es diese gibt. Ebenfalls wichtig ist der künstlerische Prozess zur Aufarbeitung der Traumata. In wochenlanger Kleinarbeit haben die Frauen von „Mama Quilla“ die Geschichte ihrer Vertreibung und ihrer Neuansiedlung in Lima auf Stoffbildern dargestellt. Dass diese kürzlich sogar im fernen Nürnberg ausgestellt wurden, im Rahmen einer Ausstellung von Stoffbildern über politische Gewalt, freut die Frauen ungemein!

„Von Seiten der Kirche begleite ich die Frauen so gut ich kann“, meint Fiorenza Fattorini. Sie beklagt aber auch, dass zuwenig Mittel für diese Arbeit zur Verfügung stehen, „die meisten meinen, diese Geschichte gehöre doch nun der Vergangenheit an“.

„Ob es nicht endlich Zeit ist, vorwärts zu blicken anstatt dem vergangenen Leiden nachzuhängen? Felicitas Loayza, die Vorsitzende von „Mama Quilla“ weist dies zurück. „Nach vorwärts schauen, ja, das tun wir ja. Aber wenn du erlebt hättest, was wir erlebt haben, könntest du auch nicht vergessen. Das geht einfach nicht.“

Dass das Leiden der Frauen im Bürgerkrieg auch nach Jahren und selbst in der nachkommenden Generation noch andauert, ist inzwischen in Peru auch filmisch bearbeitet worden. „Eine Perle Ewigkeit“ heißt die deutsche Fassung des Films der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa, mit dem sie bei den Berlinger Filmfestspielen 2009 den Goldenen Bären gewann. Der Film zeigt wie sich die Hauptdarstellerin Fausta vom Trauma der Vergewaltigung ihrer Mutter befreit. Die Muttermilch ist damals sauer geworden und hat das Trauma auf das neugeborene Kind übertragen, heißt es im Film. Mit Gesängen in der Quechua-Sprache gelingt Fausta die langsame Rückkehr ins Leben.

Delfina und Felicitas Loayza haben den Film nicht gesehen. Was ein „susto“ ist, ein Trauma, und wie lange er anhält und Generationen durchträgt – davon allerdings können auch sie ein Lied singen.

Autorin: Hildegard Willer