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Verfehlungen des Staatssozialismus

Leonardo Paduras großer Roman des 20. Jahrhunderts kombiniert Figuren aus der Geschichte mit erdachten Details. Der für seine Krimis bekannte Autor widmet sich dieses Mal der Geschichte sowjetischer Geheimagenten und ihrer Verbindung zu Kuba.

Kuba, 2004: Iván trägt seine Frau Ana zu Grabe. Inmitten der Trauer erinnert er sich an die gemeinsamen Gespräche über jenen mysteriösen Fremden, dem er vor vielen Jahren bei einem Spaziergang mit zwei russischen Windhunden begegnet war und dem er eine zunächst unglaubliche Geschichte verdankt.

Ana hatte ihn ermutigt, der Erzählung des Fremden nachzugehen, und so setzt sich Iván, früher ein ambitionierter Schriftsteller, der jedoch angeeckt war und die Krisenjahre auf Kuba als Aushilfsveterinär überstanden hatte, wieder an die Arbeit – obwohl er ahnt, dass das neue Schreibthema eine große Belastung darstellen wird.

Abrechnung mit Verfolgung in Diktaturen

Iván ist die Hauptfigur der Rahmenhandlung des aktuellen Romans von Leonardo Padura, „Der Mann, der Hunde liebte“. Der kubanische Autor ist hierzulande vor allem durch seine Krimis rund um den Ermittler Mario Conde bekannt. Im neuen Buch kann man Padura als Chronisten und Kritiker des von Josef Stalin verordneten Staatsterrors sowie als Zeitzeugen des krisengeschüttelten Kuba kennenlernen.

Sein Buch ist eine Abrechnung mit der Verfolgung politisch unliebsamer Personen in Zeiten diktatorischer Herrschaft. Angesichts der in dem Roman geäußerten Kritik an den Verfehlungen des Staatssozialismus ist es bemerkenswert, dass Padura weiterhin in seinem Heimatland arbeitet und seine Texte dort auch veröffentlicht werden.

Stalins Gegenspieler und Stalins Mordwerkzeug

Der Mann, dem Iván begegnete, war Ramón Mercader – jener Agent, der vom sowjetischen Geheimdienst nach Mexiko geschickt worden war, um Stalins ideologischen Gegenspieler Leo Trotzki zu ermorden. Die Geschichte von Trotzkis Exilzeit, besonders die seiner Begegnung mit dem Künstlerpaar Diego Rivera und Frida Kahlo, sowie von seinem Tod durch den Schlag mit dem Eispickel, ist oft erzählt worden.

Padura stellt die bekannten Details in einen wesentlich größeren Zusammenhang und bringt eine Vielzahl von Themen, die Stalins zynische und verbrecherische Machtpolitik umkreisen, in die Romanhandlung ein: Die Gängelung der Kommunistischen Partei Deutschlands, die Annäherung an Hitler kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Manipulation der verschiedenen linksgerichteten Fraktionen im Spanischen Bürgerkrieg, die eigentlich gemeinsam gegen General Franco kämpfen sollten, die jedoch nichts weiter als Steine auf Stalins europäischem Spielbrett waren. Schließlich die Verfolgung und Liquidation von Stalins echten oder vermeintlichen Gegnern, denen in Schauprozessen zuvor die seltsamsten, widersprüchlichsten Geständnisse abgetrotzt wurden.

Der historische Trotzki konnte sich mit seiner Auslegung des Marxismus-Leninismus nicht gegen Stalin durchsetzen und wurde Ende der 20er Jahre ins Exil getrieben. Er verstand, dass, wie Padura es formuliert, „Hass eine unheilbare Krankheit ist“ und, dass weder er selbst noch seine Familie oder Parteigänger je vor Stalins hasserfüllter Verfolgung sicher sein würden. Tatsächlich hatte der Moskauer Geheimdienst schon mehrere Jahre vor der tödlichen Attacke mit dem Eispickel den jungen kommunistischen Kämpfer Ramón Mercader, der auf Seiten der republikanischen Armee am Bürgerkrieg in seiner Heimat Spanien teilgenommen hatte, für die Spezialaufgabe rekrutiert.

Ausgestaltung von Mercaders Lebensgeschichte

Während Trotzkis Vita gut dokumentiert ist, gibt es kaum gesicherte Fakten zu Mercader. Leonardo Padura nutzt diese Freiheit und gestaltet Mercader als eine Figur, die ihren Glauben, für eine gerechte Sache zu kämpfen, über die Skrupel stellt. Außerdem gibt der Autor Mercader zwei starke Figuren an die Seite: die fanatische, emotional komplexe Mutter Caridad und den sowjetischen Führungsoffizier.

Dieser tritt in einem halben Dutzend Identitäten auf und die Mordaktion auf Jahre im Voraus überblickt und berechnet – so als wäre der Auftrag, Trotzki zu liquidieren, ein einziges großes Strategiespiel. Padura führt beide Hauptfiguren – Trotzki und Mercader – parallel durch die zweite Hälfte der 1930er Jahre und lässt sie in mehreren großen Bögen aufeinander zusteuern. Anschließend lässt er Mercader im Moskau der 60er Jahre und im Kuba der 70er auftreten, wo er auf die Figur des Iván trifft.

Iván erkennt nach und nach das Ausmaß der Verbrechen, die im Namen des von Moskau verordneten Sozialismus begangen wurden, und den Grad deren Verheimlichung in Kuba. Der Erkenntnisgewinn läutet eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit jahrzehntelang verinnerlichten, aber möglicherweise falschen Ansichten ein. Iván merkt, dass er die Geschichte des Fremden weitergeben muss – auch wenn er ahnt, dass sie ihn selbst ins Verderben stürzt.

Autor: Thomas Völkner

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte, übersetzt von Hans-Joachim Hartstein, Zürich: Unionsverlag 2011, 731 Seiten, EUR 28,90, ISBN 978-3-293-00425-2.