Kolumbien |

Verbrechen im Abseits

Im Bürgerkriegsland Kolumbien "verschwindet" pro Tag mindestens ein Mensch. Ingesamt sind seit 1977 mindestens 42.300 Personen von den Konfliktparteien verschleppt, gequält, ermordet und verscharrt worden. Dennoch wird das Phänomen des Verschwindenlassens von der öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Ein neuer Bericht hat nun das Schweigen gebrochen.

Wie aus dem Report des "Latin America Working Group Education Fund" (LAWGEF) und des "U.S. Office on Colombia (USOC)" in den USA hervorgeht, dürften in dem südamerikanischen Land mehr Menschen entführt und umgebracht worden sein als in Argentinien. Dort waren während der Diktatur (1976-1983) mindestens 30.000 Menschen verschwunden. Aufgrund der hohen Dunkelziffer lassen sich in beiden Ländern keine exakten Zahlen machen.

Hohe Gewaltraten verschleiert Blick auf Verschwundene

Die Autorinnen der neuen Studie, Lisa Haugaard y Kelly Nicholls, führen die "geringe Aufmerksamkeit" für Kolumbiens Verschwundene auf die hohe Zahl der Todesopfer durch Morde, Massaker und bewaffnete Konflikte zurück. In dem seit Jahrzehnten tobenden Krieg zwischen Regierungstruppen und ultrarechten Paramilitärs auf der einen Seite und marxistischen Rebellen auf der anderen gebe es so viele Tote, dass das Schicksal der Verschwundenen außerhalb des allgemeinen Blickwinkels geblieben sei, vermuten sie.

Unbekanntes Leid

Die Generalstaatsanwaltschaft Kolumbiens geht davon aus, dass 60 bis 65 Prozent der Entführungen, die in Kriegsgebieten stattfinden, aus Angst vor Vergeltung oder aufgrund fehlender Infrastrukturen nicht zur Anzeige gebracht werden.

"In den letzten drei Jahren wurden mehr als 1.130 neue Fälle gemeldet. Das entspricht durchschnittlich einem Verschwundenen pro Tag", fasst die Studie "Breaking the Silence: In Search of Colombia´s Disappeared" (Das Schweigen brechen: Auf der Suche nach Kolumbiens Verschwundenen) zusammen.

Menschen verschwinden zu lassen, diene der Einschüchterung und Kontrolle ganzer Gemeinden, heißt es in der Untersuchung. Darüber hinaus würden kritische Stimmen mundtot und soziale Verbände, Gemeindeorganisationen und Oppositionsgruppen führungslos gemacht. Unter den vielen Opfern befinden sich Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschafts-, Bauern- und Indigenenführer.

In den 70er und 80er Jahren verschwanden viele Menschen nach ihrer Verhaftung durch die staatlichen Sicherheitskräfte, Ende 2008 nach ihrer vermeintlichen Rekrutierung als Polizisten oder Soldaten. Inzwischen steht aber fest, dass viele dieser "Rekruten" von den Soldaten ermordet und vorsätzlich als Rebellen ausgegeben wurden. Denn für jeden Guerillero war ein Kopfgeld fällig. 2010 befasste sich die kolumbianische Justiz mit 3.000 solcher Fälle.

Geheime Gräber und Verbrennungsöfen

Auch die Rebellen ließen Menschen verschwinden. Doch die Hauptverantwortlichen waren die Paramilitärs, die zumindest bis 2007 "die Körper ihrer Opfer in geheimen Massengräbern verscharrten oder in Flüssen versenkten". Auf Geheiß lokaler Sicherheitskräfte errichteten sie sogar Verbrennungsöfen, in denen sie die Leichen hunderter Bauern beseitigten.

Wie der neue Bericht ferner betont, verschwanden die meisten Menschen zwischen 2000 und 2003 – den ersten vier Jahren des US-finanzierten "Plan Colombia" zur Bekämpfung von Rebellen und Drogenhandel.

Autorin: Constanza Vieira (IPS)