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Verärgert über Krisenmanagement der Industriestaaten

In den 80er und 90er Jahren waren sie oft die Schuldigen für weltweite Finanz- und Schuldenkrisen, nun sind die lateinamerikanischen Länder volkswirtschaftliche Musterschüler – und dennoch sorgen die Schuldenkrise der Industrieländer und die Achterbahn an den Börsen für mehr Sorge als Genugtuung in den Hauptstädten von Mexiko bis Montevideo.

Von der „schlimmsten Krise des modernen Kapitalismus“, spricht etwa Uruguays Vizepräsident, der ökonom Danilo Astori. Er sieht eine Kreditverknappung und höhere Zinsen kommen. Mexikos Finanzminister Ernesto Cordero sprach von einer „ernsten Sache“, viele ökonomen warnten vor einer Rezession.

Fachleute sehen das größte Problem aber nicht in der Nervosität der Finanzmärkte. Trotz kurzfristigen Einbussen könnten da einige lateinamerikanische Assets sogar zu den Gewinnern zählen, so der auf Schwellenländer spezialisierte Finanzberater Walter Molano. Argentinien etwa ist seit dem Schuldenmoratorium von 2002 ein Paria der internationalen Finanzmärkte – etwas, was dem Land jetzt zugute kommt. Zahlreiche risikobereite Anleger setzten auf dollar-indexierte, argentinische Staatsanleihen, hat Molano zu Wochenbeginn festgestellt. Auch mexikanische Staatsanleihen und brasilianische Anlagen sind bei Investoren beliebt. Das hat jedoch einen Nebeneffekt: beide Währungen werteten stark auf; Mexikos Peso um rund 20 Prozent seit 2008, der brasilianische Real um etwa 40 Prozent.

Mexikos enge Bindung an US-Markt

Die Grunddaten der lateinamerikanischen Volkswirtschaften sind größtenteils in Ordnung: robustes Wachstum, gemäßigte Inflation, moderate Verschuldung und hohe Devisenreserven. Doch schwächelt die Weltkonjunktur, leiden auch die Schwellenländer. Etwa Mexiko, das sich gerade erst von den Folgen der Krise durch die US-Immobilienblase 2008 erholt hat. Mexiko ist ähnlich wie Deutschland eine Exportwirtschaft, doch weniger diversifiziert: 90 Prozent aller mexikanischen Exporte gehen in die USA. „Unsere Konjunktur läuft synchron zu der US-Konjunktur, nur dass die Schwankungen bei uns viel größer sind“, sagt Alejandro Villagomez vom Wirtschafts-Think-Tank CIDE.

Brasiliens Außenhandel hingegen ist diversifizierter. Dennoch forderte Präsidentin Dilma Roussef ihre Landsleute vorsorglich auf, weiterhin fleißig zu konsumieren. Argentiniens Wirtschaftsminister Amado Boudou sorgt sich vor allem um den Zufluss von Spekulationskapital und billigen Konsumgütern, die in Europa und den USA keinen Absatz finden. Importbeschränkungen, Kapitalmarktkontrollen, die Entdollarisierung des bilateralen Handels und die Stärkung regionaler Finanzinstitute dürften daher in den nächsten Wochen auf der wirtschaftspolitischen Agenda Lateinamerikas stehen.

Mit dem Krisenmanagement Europas und Washingtons, der Weltbank und des Internationalem Währungsfonds (IWF) sind die Schwellenländer gar nicht zufrieden. Suboptimal sei es gewesen, hieß es in mexikanischen Regierungskreisen. Der argentinische Vorsitzende der Gruppe der 77 plus China, Jorge Argüelles, schlug kräftiger auf den Putz und bezeichnete IWF und Weltbank als „anachronistische Institutionen unter Kontrolle der alten Wirtschaftsmächte“. Brasilien warf den Industrieländern vor, nicht auf der Höhe zu sein und will jetzt die Führungsrolle des Krisenmanagements der Schwellenländer übernehmen - das verkündete jedenfalls Finanzminister Guido Mantega. Doch auch wenn der Stern der Industrieländer sinkt - noch ist ihr Gewicht in der Weltwirtschaft enorm. „Wir können einen Beitrag leisten, aber keine Wunder vollbringen“, schränkte Mantega ein.

Kunde China sorgt für Optimismus

Vielleicht geht auch alles gut für die Latinos – damit rechnet jedenfalls Nobelpreisträger Joseph Sitglitz. Eine Rezession in den USA und Europa werde vermutlich weniger dramatisch ausfallen als 2008, und derart solide Volkswirtschaften wie Brasilien und Chile nur marginal belasten, sagte er dem „Miami Herald“. Doch Stiglitz Optimismus gründet nicht hauptsächlich auf dem Vertrauen zu den lateinamerikanischen Volkswirtschaften – sondern darauf, dass China weiterhin robust wächst. China ist der Hauptabnehmer lateinamerikanischer Rohstoffe.

Autorin: Sandra Weiss