Kolumbien |

Uribes Kronprinz geht als Favorit in Stichwahl

Brasilia. Kolumbiens neuer Präsident wird erst nach der Stichwahl Ende Juni feststehen. Als Favorit geht der Kronprinz von Präsident Alvaro Uribe, der rechte Ex-Minister Juan Manuel Santos ins Rennen, der in der ersten Runde am Sonntag 46 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte, wie die Wahlbehörde nach Auszählung von 98 Prozent der Wahllokale bekannt gab. Der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt Bogota, Antanas Mockus, der für die Grüne Partei antrat, kam demnach auf überraschend niedrige 21 Prozent. Die Umfrageinstitute hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Santos und Mockus prognostiziert. An dritter Stelle landete der ebenfalls rechte Politiker German Vargas mit zehn Prozent der Stimmen, dicht gefolgt vom Vertreter des linken Demokratischen Pols, Gustavo Petro. Da Vargas und Santos ideologisch auf der gleichen Linie sind, gilt Santos als haushoher Favorit für die Stichwahl am 20. Juni. Santos gehört einer traditionellen Oberschichtfamilie an, die unter anderem die einflussreiche Zeitung El Tiempo verlegt. Der 58jährige in London studierte Wirtschaftsexperte hat eine Fortsetzung der Sicherheitspolitik von Uribe versprochen, mit der zwar die linke Guerilla deutlich zurückgedrängt wurde, die aber auch mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher ging.

Lang waren die Gesichter bei den Anhängern von Mockus, dessen unkonventioneller Wahlkampf in den vergangenen Wochen national und international viel Aufsehen erregt und den Sohn litauischer Einwanderer in den Umfragen nach oben katapultiert hatte. Mockus war klarer Favorit in Facebook und twitter, und keine der Umfragen hatte ihn mehr als fünf Punkte hinter Santos gesehen. Wie in Chile im Dezember, wo der Außenseiter Marco Enriquez-Ominami dank einer geschickten Medienkampagne zum Liebling der jungen Generation aufstieg aber letztlich mit 20 Prozent der Stimmen klar abgeschlagen auf dem dritten Platz landete, erwies sich auch in Kolumbien die relativ geringe Aussagefähigkeit derartiger Popularitätsphänomene. “Möglicherweise haben viele Kolumbianer mit Mockus zwar sympathisiert, aber in letzter Minute doch den Sprung ins kalte Wasser gescheut”, sagte Michael Shifter von der US-Organisation Inter American Dialogue. Der Ex-Minister Eduardo Pizano glaubt, dass Mockus widersprüchliche Aussagen in den TV-Debatten und sein Beharren auf Steuererhöhungen Stimmen gekostet haben.

Der Wahltag verlief nach Aussagen der Beobachterkommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) weitgehend ruhig. In einigen von der Guerilla beherrschten Regionen wie Cauca und Meta kam es jedoch zu Schiessereien zwischen Militärs und linken Rebellen, bei denen mindestens drei Menschen starben. Mancherorts war die Organisation chaotisch und der Andrang so groß, dass bei der Schließung der Wahllokale um vier Uhr noch lange Schlangen Wähler vor den Türen standen, die ihre Stimme nicht mehr abgeben konnten. Die Wahlbeteiligung war wie immer niedrig. Die Hälfte der knapp 30 Millionen Wahlberechtigten ging erst gar nicht zu den Urnen. Der nächste Präsident tritt am 7. August die Nachfolge Uribes an, der das Bürgerkriegsland acht Jahre lang regiert hat und aufgrund einer Entscheidung des Verfassungsgerichts nicht noch einmal antreten durfte.

Autorin: Sandra Weiss