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Ureinwohner 2.0

Newsletter, Videokonferenzen und soziale Netzwerke: Die Zeiten, in denen Lateinamerikas indigene Völker via Trommel und Rauchzeichen ihren politischen Willen bekundeten, sind lange vorbei. Längst haben sie sich die Vorteile der digitalen Medienwelt zunutze gemacht. Ob Menschenrechte in Chile, Autobahnen in bolivianischen Nationalparks oder die umstrittene Suche nach Erdöl in Ecuador: Die Ureinwohner Lateinamerikas vernetzen sich mit den Möglichkeiten der Technik und melden sich immer lautstärker zu Wort.

Wie das funktioniert, beweisen derzeit die Mapuche-Indios in Chile. Zunächst tauchten in den sozialen Netzwerken Fotos von angeblicher Polizeigewalt gegen Kinder des Mapuche-Stammes auf, dann folgte eine Besetzung des Unicef-Gebäudes in der Hauptstadt Santiago de Chile. "Unicef kann nicht länger schweigen angesichts von so viel Gewalt und Repressalien gegen unser Volk", kommentierte Mewlen Huencho, Sprecherin der Mapuche, den Vorgang auf ihrer Facebook-Seite, auf der sie nahezu live über die publikumswirksame Aktion berichtet.

Unterstützung von internationalen PR-Agenturen

Auch Boliviens Präsident Evo Morales bekommt die Macht der indigenen Netzwerke zu spüren. Ausgerechnet der erste lateinamerikanische Präsident indigener Herkunft kann ein Lied davon singen, welche politische Macht die mittlerweile hervorragend organisierten Stämme seines Heimatlandes ausüben. Eine geplante Autobahn durch einen Naturschutzpark verhinderten die aufgebrachten Bolivianer indigener Herkunft vor einigen Wochen mit einem tagelangen Protestmarsch bis nach La Paz. Die Nachrichten vom Protest der bolivianischen Indios drangen bis aus dem entferntesten Bergdorf auf die Internetseiten der Nachrichtenportale.

Die indigenen Völker erhalten Unterstützung von internationalen PR-Agenturen, die hoffen, dass ihr Engagement für die Ureinwohner das Image des Hauses verbessert. Was früher der Kampf für den Umweltschutz war, ist heute der Einsatz für die Rechte der Indigenen. Und so können Lateinamerikas Ureinwohner auf die gleichen Mittel zurückgreifen wie multinationale Konzerne, die nach indianischer Lesart die "Mutter Erde" ausbeuten. Von PR-Agenturen entworfene und produzierte Clips auf "You Tube" unterstützen das neue Selbstbewusstsein. Erst vor kurzem luden Indio-Gruppen am Rande des Amerikagipfels im kolumbianischen Cartagena zum Workshop "Eigene Kommunikation gegen neue Kommunikationstechnologie".

NGOs freuen sich über hohe Abdruckraten

Die Belange der Indigenen stoßen in der öffentlichkeit auf Interesse. Nichtregierungsorganisationen wie "Survival International", die sich für die Rechte indigener Völker einsetzen, freuen sich über hohe Abdruckraten ihrer Pressemitteilungen, von denen andere nur träumen können.

Das neue Selbstbewusstsein trägt Früchte: In Ecuador mobilisierten die Verbände der Indigenen unlängst Zehntausende Demonstranten, um gegen den geplanten Raubbau an der Natur im Yasuni-Nationalpark zu demonstrieren. In Brasilien freuen sich die indigenen Völker über ein wachsendes internationales Interesse an der Abholzung des Regenwaldes. Schon jetzt nutzen die Indios die anstehende Fußball-WM 2014 für publikumswirksame Aktionen.

Für die Zukunft sind weitere Schritte im Kampf um mehr politischen Einfluss geplant. Die Organisation Amerikanischer Staaten OAS soll künftig eine Art "Indigenen-Minister" erhalten. Zudem soll eine neue Instanz dafür sorgen, dass die einzelnen Staatsregierungen mit den indigenen Kommunen in ständigem Dialog stehen. Miguel Palacin, Sprecher der Indigenen in der Andenregion, hält das für längst überfällig: "Hätten sich die Staats- und Regierungschefs an die bereits gemachten Versprechen gehalten, hätten wir alle die aktuellen Probleme nicht."

Quelle: KNA, Autor: Tobias Käufer

Zahlreiche Pressevertreter interviewen den Anführer des TIPNIS-Protestmarsches Fernando Vargas. Foto: Adveniat/Escher