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UNICEF: Indigene Kinder haben es schwerer

Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF hat sich Daten des sozioökonomischen Panels "Casen" vorgenommen und auf dieser Grundlage die Situation indigener und nicht indigener Kinder in Chile verglichen. Ergebnis: Unter indigenen Kindern gibt es mehr Armut und sie finden seltener Zugang zu höherer Bildung. Und, die eigene Sprache geht verloren.

Von den fast 17 Mio. Einwohnern in Chile bilden indigene Kinder einen Anteil von etwas mehr als zwei Prozent. Ihr Anteil an den unter 18-Jährigen beträgt knapp neun Prozent. Die große Mehrheit von ihnen, rund 85 Prozent, sind Mapuche, acht Prozent sind Aymara, die verbliebenen Prozentanteile verteilen sich auf weitere sieben Ethnien.

Höheres Armutsrisiko

Wer dazugehört, hat es schwerer. „Die Zugehörigkeit zur indigenen Bevölkerung bedeutet für Kinder und Jugendliche ein größeres Risiko“, so eine Schlussfolgerung der Studie „Incluir, Sumar y Escuchar – Infancia y Adolescencia Indígena”, die Ende 2011 veröffentlicht wurde. UNICEF verglich hierbei Daten aus den Jahren 1996 und 2009.

Fast ein Viertel der indigenen Kinder (23 Prozent) wächst demzufolge in Armut auf, die Situation bei nicht indigenen Haushalten ist besser: dort sind es 17 Prozent. Das Gesicht der Armut ist weiblich – und ländlich. Vor allem dort, wo indigene Frauen auf dem Land den Haushaltsvorstand stellen, ist die „Arbeitsplatzsituation instabiler“. Indigene Frauen, die in städtischen Räumen die im Haushalt lebenden Familienmitglieder ernähren müssen, erhalten 78 Prozent der Einkünfte, die Männer nach Hause bringen, die einem vergleichbaren Haushalt vorstehen. Frauen, die einen Haushalt auf dem Land führen, erhalten sogar nur etwas mehr als die Hälfte der Einkünfte, die Männer erhalten (54 Prozent).

Verlust der indigenen Sprachen

Ein Ergebnis der Studie ist auch, dass immer weniger Kinder die indigene Sprache verstehen oder sprechen können. Fast 90 Prozent der unter 18-Jährigen konnten dies nicht, nur noch 3,7 Prozent können die Sprache ihrer Ethnie sprechen und verstehen. Ein alarmierendes Ergebnis, dass jedoch angesichts der konfliktiven Situation um Gleichstellung, bilinguale Ausbildung und Anerkennung der indigenen Kulturen in Chile nicht verwundert.

So ist, mitten im weltweit Aufmerksamkeit erregenden Bildungsstreik, auch eine Föderation von Mapuche-Studenten auf den Plan getreten, um „die Marginalisierung von Kindern und Jugendlichen der Mapuche in allen Klassenzimmern des Landes“ zu beenden, wie es in einem Artikel des Online-Portals „Azkintuwe“ heißt.

"Das Gewicht einer anderen Sprache"

Die Wirtschaftsprüferin Isabel Cañet, die in dem Mapuche-Ort Pelontuwe lebte während sie studierte, moniert beispielsweise: „Sie zwingen uns Tag für Tag eine fremde Kultur auf und nehmen nichts von unserer Kultur auf oder integrieren etwas davon. Ein konkretes Beispiel: Warum ist Mapudungun, zumindest in der Region, nicht von der ersten Klasse der Grundschule an bis zur Universität ein Pflichtfach? Und weshalb aber ist die aber mit Englisch der Fall?“

Das „Verschwinden“ der Sprache, so Elisa Loncon von der Universität Santiago, Expertin für interkulturelle Erziehung und Mitglied des Netzwerkes für die Rechte auf Bildung und Sprache der indigenen Völker, habe seine Ursache auch darin, dass Mapuche-Kinder damit konfrontiert würden, dass ihre lebendige Kultur verschwiegen und in die Vergangenheit verbannt werde: „Als ich mit zehn Jahren meine Gemeinde verließ um im Dorf zu studieren, spürte ich das Gewicht einer anderen Sprache auf mir, das mich tief geprägt hat. Im Geschichts- und Spanischunterricht wurden ständig die Wörter “india”, “indio” oder Araukaner wiederholt und man sagte, dass es uns nicht mehr gäbe.“

Aufholbedarf bei höherer Bildung

Während die Zahlen bei der Vorschul- und Grundschulbildung keine nennenswerten Unterschiede zeigen, kritisieren die Autoren den großen Unterschied bei der höheren Bildung. Während knapp 30 Prozent der nicht indigenen Jugendlichen das Abitur machen, sind es nicht einmal 20 Prozent bei den indigenen Jugendlichen. Nur 1,6 Prozent der chilenischen Mapuche hatten 2009 eine abgeschlossene Universitätsausbildung.

Die Autoren der Studie sehen daher auch „im Zugang zu Bildung eine der größten Herausforderungen“ und fordern politische Maßnahmen, die „während des Bildungsprozesses die kulturellen Besonderheiten der indigenen Bevölkerung mit einbeziehen, um die Unterschiede im Bildungsanteil zu verringern und einen Zugang zu höherer Bildung unter gleichen Bedingungen zu ermöglichen“.

Vom Netz abgehängt

Indigene Kinder und Jugendliche haben laut Studie auch seltener einen Computer zu Hause und wenn sie ins Netz wollen, nutzen sie dazu meist einen Zugang in einer Bildungseinrichtug (46 Prozent), während nicht indigene zwischen sechs und 17 Jahren meist im eigenen Haus ins Netz gehen. Ein deutlicher Unterschied besteht hier auch innerhalb der indigenen Kinder und Jugendlichen, je nachdem, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Während 90 Prozent in der Stadt angaben, ins Netz gehen zu können, war dies bei nur 77 Prozent der in ländlichen Räumen lebenden Befragten der Fall.

Es seien “politische Herausforderungen” auf Regierungsebene, aber auch lokal und regional anzugehen, die vor allem die kulturellen Rechte und die Kinderrechtskonvention in Betracht ziehen, so UNICEF. Dies sei auch deshalb besonders wichtig, da die Studie eine Tendenz zur Verstädterung der indigenen Bevölkerung belegt und aufgrund der „sozialen, wirtschaftlichen und demografischen Prozesse starke Veränderungen bei der indigenen Bevölkerung Chiles“ auszumachen seien.

Autorin: Bettina Hoyer