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Tübingen: Basisgemeinden als Modell für Kirche der Zukunft

Christliche Basisgemeinden in Entwicklungsländern sind für den Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka wichtige Vorbilder für die katholische Kirche in Deutschland. "Die Zeit der Volkskirche ist endgültig vorbei, wir brauchen jetzt neue Formen, um den Menschen von heute die Begegnung mit dem lebendigen Christus zu ermöglichen", sagte der Leiter des Lateinamerika-Hilfswerks am Freitag in Tübingen. Vor dem Hintergrund von Priestermangel, Zusammenlegung von Gemeinden und sinkender Katholikenzahlen sei die Zeit reif, die "wegweisenden Erfahrungen der weltweit aktiven kleinen Gemeinden für Deutschland fruchtbar zu machen", so Klaschka.

Basisgemeinden sind Zusammenschlüsse von Christen, die in ihrem engen persönlichen Umfeld ihren Glauben leben und damit vor allem in lateinamerikanischen Ländern, aber auch in vielen Staaten Afrikas und Asiens seit Jahren das Bild der katholischen Kirche prägen. Starkes Gewicht liegt dabei auf Solidarität und Hilfe für sozial Benachteiligte. Wichtig sind gemeinsame Beschäftigung mit der Bibel und das Feiern von selbst gestalteten Wortgottesdiensten. Erstmals entstanden Basisgemeinden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65).

Nach Einschätzung des Osnabrücker Theologen Dieter Tewes wächst derzeit bundesweit das Interesse am Aufbau neuer Gemeindeformen nach Vorbild solcher Basisgemeinden. "Wir haben die ideologischen Gräben überwunden, durch die Basisgemeinden lange unter Revolutionsverdacht standen. Jetzt geht es um eine neue lokale Kirchenentwicklung." Vorreiter seien derzeit Gemeinden und Projekte in den Bistümern Hildesheim, Osnabrück und Limburg.

Das von Tewes gegründete "Nationalteam Kleine Christliche Gemeinschaften in Deutschland" vernetzt aktuell bundesweit rund 50 entsprechende Initiativen. "Wir können aber nicht einfach seelsorgerische Südfrüchte importieren", so Tewes. Diese Entwicklung brauche Zeit, auch weil die Modelle bislang nicht überall von der Kirchenleitung unterstützt würden. "Aber wir haben immer mehr Bischöfe auf unserer Seite."

Der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga bezeichnete die Entwicklung der Basisgemeinschaften in seiner Heimat als Erfolgsgeschichte. "Es ist eine große Chance, weil sich hier Frauen und Männer engagieren, ihrer Berufung folgen und damit Kirche sind, statt bloß passive Teilnehmer zu bleiben." Die Sorge, dass die Kirche Macht oder Kontrolle über die Basisgemeinden vor Ort verlieren könne, teile er nicht, so der Erzbischof von Tegucigalpa: "Wir streben keine Macht an, also können wir auch keine verlieren."

Erstmals befasst sich noch bis Sonntag eine große wissenschaftliche Tagung in Deutschland mit Geschichte, Formen und Theologie der vor rund 50 Jahren in Lateinamerika entstandenen christlichen Basisgemeinden. In der Tübinger Universität diskutieren rund 250 Teilnehmer aus vier Kontinenten. Veranstalter sind die Theologische Fakultät sowie die katholischen Hilfswerke missio und Adveniat. (KNA)