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Trotz Dilma - Brasilianer sehnen sich nach Lula

Kein Monat vergeht ohne neue persönliche Beliebtheitsrekorde für Präsidentin Dilma Rousseff. Sie nähert sich nach etwas über einem Jahr Amtszeit bereits der 80%-Marke, die ihr Vorgänger Lula da Silva erst am Ende seiner acht langen Regierungsjahre erreichte. Auch Dilmas Regierung profitiert von der Beliebtheit der Chefin. 64% der befragten Brasilianer gaben Dilmas Truppe eine gute Note, nach 59% im Januar. Doch fragt man die Brasilianer, wer 2014 als Kandidat für das Präsidentenamt antreten soll, so hört man Überraschendes: fast zwei Drittel sprechen sich für eine Rückkehr von Alt-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva aus. Doch der will davon nach überstandenem Krebsleiden erst einmal nichts wissen.

Neben Dilmas persönlichen Bestmarken überraschen die guten Werte für ihre Regierung. Zum Vergleich: nach den ersten 15 Monaten der Regierung Lula zeigten sich lediglich 38% der Brasilianer mit der Arbeit der Ministerriege zufrieden. Und selbst nach den ersten 15 Monaten seiner zweiten Amtszeit stimmten lediglich 55% der Befragten der Arbeit des Kabinetts zu. Bei Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso lag diser Wert mit 30% sogar noch tiefer. Dabei musste Dilma in den letzten Monaten ein halbes Dutzend Minister wegen Korruptionsvorwürfen aus dem Kabinett entlassen. Und auch die Wirtschaft, die unter Lula noch kraftvoll brummte, ist unter Dilma ins Stocken geraten. Doch noch herrscht in Brasilien die Zuversicht, dass es weiter aufwärts gehen wird. Wenn auch halt etwas langsamer als unter Lula.

Rousseff bringt die Medien hinter sich

Doch wie erklärt sich Dilmas rasant nach oben strebende Beliebtheitskurve, die verlängerten Flitterwochen der Brasilianer mit ihrer ersten weiblichen Staatschefin? Sie weiss vor allem mit den Medien umzugehen; etwas, das Vorgänger und Ziehvater Lula da Silva stets schwer fiel. Zeitschriften wie das Massenblatt "Veja" beschimpfte er noch als "rechte Putschisten" und weigerte sich, den Reportern des Blattes Interviews zu geben. Auch zu den größten und einflussreichsten Tageszeitungen, der "Folha de S. Paulo" und dem "Estado de S. Paulo", war das Verhältnis ebenfalls stets angespannt. Ähnlich ungemütlich war auch Lulas Verhältnis zum größten TV-Sender des Landes, TV Globo. Die (gegenseitigen) Abneigungen sind das Resultat Jahrzehnte langer ideologischer Grabenkämpfe, die bis in die von der Repression der Diktatur geprägten 70er Jahre zurück gehen. Hier hatte sich Lula sein politisches Vokabular und Weltbild zugelegt, das ihn bis heute begleitet. Und darin sind Medien an sich als Feinde eingestuft.

Anders Dilma, die im Morgenfernsehen von TV Globo auch mal Omeletts zubereitet sowie ihre Privatgemächer dem Mediengiganten persönlich zeigt. Und "Veja" hat sie für ihre eigenen Interessen eingespannt, in dem sie dort geschickt ein Exklusiv-Interview platzierte. In der Politik hat sie (noch) wenige Feinde, ist sie doch erst spät und über Umwege in die Parteipolitik hinein gerutscht. Manche meinen sogar, dass sie bis heute noch keine echte Politikerin, sondern eher eine geschickte Managerin sei. Dazu gehört, neben der Abstrafung von fehl geleiteten Ministern, auch ein absolutes Desinteresse gegenüber dem Parteigeschacher im Kongress. Diesen "dirty job" übernimmt der Präsidentschaftssekretär Gilberto Carvalho, ein alter Weggefährte Lulas und politischer Haudegen, der nun Dilma den Rücken frei hält. Das führt dazu, dass sämtliche Fehlgriffe und Niederlagen ihrer Regierung eher den raffgierigen Parteikadern der Regierungsbasis angelastet werden, während an Dilma nichts hängen bleibt.

Lula schließt Kandidatur nicht aus

Trotzdem sagten in einer in diesen Tagen veröffentlichten Umfrage 57% der Befragten, dass sie sich Lula als Präsidentschaftkandidaten für die Wahl Ende 2014 wünschen. Lediglich 32% gaben Dilma ihre Präferenz. Und gerade einmal 6% gaben ein "weder noch" zu Protokoll. Sicherlich hat die Krebserkrankung des Ex-Präsidenten eine wichtige Rolle gespielt. Sie hielt ihn in den Medien und fügte zudem seiner sowieso schon beeindruckenden Vita eine ganz neue Wendung hinzu, die (wieder einmal) Stoff für einen Hollywood-Film liefern könnte. Zum anderen haben die Brasilianer noch nicht vergessen, wer Dilma politisch herangezogen und praktisch alleine ins Amt gehievt hat. Um mehr als nur Lulas Platzhalterin zu sein, müsste sich Dilma von ihrem Übervater befreien und eine eigenständige Politik mit neuen und ihr eigenen Schwerpunkten setzen. Doch das fällt der selbst ernannten "Fortführerin der Politik Lulas" schwer. Letztlich, so suggerieren die Umfragen, sehnen sich die Brasilianer nach dem "Original Lula", auch wenn ihnen die "Kopie Dilma" ganz gut gefällt. Lula selbst beeilte sich nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus Ende März zu versichern, dass er es nicht eilig habe. Schließlich "gehe die Welt ja nicht morgen unter".

Text: Thomas Milz