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Triumphaler Protestmarsch-Einzug in La Paz

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ist der Protestmarsch der TIPNIS-Indigenen am Mittwoch in La Paz eingezogen. Nach 66 Tagen und fast 600 Kilometern erreichten die Demonstranten, die gegen den geplanten Bau einer Fernstraße durch ihr Territorium im Amazonasregenwald kämpfen, am frühen Nachmittag das Regierungszentrum. Präsident Evo Morales, der sich bisher geweigert hatte, mit den Indigenen zu verhandeln, war nicht in der Stadt. Allerdings soll er den Indigenen ein Treffen vorgeschlagen haben.

Sicherheitskräfte zurückbeordert

Noch in den frühen Morgenstunden war nicht klar, ob es beim Einzug der 2.000 Indigenen in La Paz zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften kommen würde. Auf dem zentralen Murillo-Platz, an dem der Präsidentenpalast liegt, waren Sicherheitskräfte inklusive eines gepanzerten Fahrzeugs und Wasserwerfer aufgefahren worden. Allerdings wurden die Kräfte in die Kasernen zurückbeordert, bevor die Demonstranten gegen 14.00 Uhr den Platz erreichten.

Entgegen Spekulationen zogen sie nicht vor den Präsidentenpalast, sondern seitlich an ihm vorbei Richtung der San Francisco Kirche, wo mit dem Erzbischof von La Paz eine gemeinsame Messe gefeiert wurde. Der Erzbischof forderte die Demonstranten auf, den Dialog mit der Regierung zu suchen. Allerdings war Präsident Evo Morales kurz vor der Ankunft des Marsches nach Cochabamba aufgebrochen. Angeblich soll er den Indigenen aber ein Treffen für den heutigen Donnerstag angeboten haben.

Bisher keine Verhandlungen

Morales hatte sich bisher geweigert, mit den Indigenen zusammen zu treffen und über den Bau der Straße durch den Naturpark TIPNIS zu verhandeln. Bereits vor über 20 Jahren war ein ähnlicher Protestmarsch von Tieflandindigenen in La Paz eingetroffen. Damals hatte die Regierung ihnen den Besitztitel für den TIPNIS-Park ausgestellt. Viele der heute in la Paz eingetroffenen Indigenen waren auch damals schon dabei gewesen, wie in Ansprachen vor der San Francisco Kirche erinnert wurde.

Ende September hatten 500 Polizisten versucht, die campierenden Indigenen zu überwältigen und in Bussen abzutransportieren. Allerdings scheiterte der Einsatz, da Bewohner aus umliegenden Dörfern sich mit den Angegriffenen sympathisierten und diese befreiten. Der mit brutaler Härte durchgeführte Polizeieinsatz hatte eine Protestwelle gegen die Regierung ausgelöst und den Demonstranten viele Sympathien eingebracht. So erwarteten schätzungsweise 100.000 Menschen den Marsch und begleiteten ihn durch die Stadt.

Alternative Strecke erwünscht

Dabei waren Sprechchöre wie "Hände weg von TIPNIS" und "TIPNIS sí - Coca no" zu hören. Präsident Morales, der die Gewerkschaft der Kokapflanzer leitet, soll diesen angeblich versprochen haben, in dem durch die Fernstraße erschlossenen Gebieten Koka anbauen zu dürfen. Die Demonstranten hatten ihrerseits stets betont, nicht generell gegen den Bau der Straße zu sein. Allerdings wollen sie eine alternative Streckenführung, die um ihr Gebiet herum geht statt es in der Mitte zu zerschneiden. Sie fürchten den Einfall von Kokabauern, die im Osten Boliviens großflächig Koka für die Produktion von Drogen anpflanzen.

Die Straße ist Teil eines Projektes zur Verbindung des Atlantiks mit dem Pazifik. Brasiliens Entwicklungsbank BNDES hat der bolivianischen Regierung Kredite zum Bau der Trasse eingeräumt, während die brasilianische Baufirma OAS die Arbeiten ausführen soll. Präsident Morales hatte dem ehemaligen brasilianischen Staatschef Lula den Bau der Straße versprochen, da diese Brasiliens Exporte nach China durch die Pazifikanbindung erleichtert. Die TIPNIS-Indigenen wollen so lange in La Paz bleiben, bis die Regierung den Plan zum Trassenbau durch den TIPNIS-Park definitiv zurück nimmt. Während die Dmonstranten erst einmal in Einrichtungen der Universität von La Paz unterkommen, haben sie vor der San Francisco Kirche und auf dem Murillo-Platz ständige Mahnwachen eingerichtet.

Thomas Milz, La Paz