Bolivien |

TIPNIS unter Beobachtung

Mit den eigenen Augen hat sich Evo Morales vom Zustand des TIPNIS-Gebietes überzeugt. Erstmals nach Erlass seines TIPNIS-Schutzgesetzes hat Boliviens Präsident Mitte der Woche das Schutzgebiet »Indigenes Territorium Nationalpark Isiboro Sécure« (TIPNIS) überflogen. Der Zustand des Amazonas-Parkes ist längst zum Politikum geworden. Denn nicht nur Koka-Bauern schlagen illegale Siedlungen in den Wald. Auch Holzfirmen und Tourismus-Unternehmen bedrohen den Regenwald in seiner Existenz.

Derweil nehmen die Diskussionen um die Zukunft von TIPNIS im Herzen des Andenlandes kein Ende. Umweltministerin Cintia Silva wies Vorwürfe zurück, die Linksregierung wolle sich an den TIPNIS-Bewohnern für ihren erfolgreichen Widerstand gegen den Bau einer Straße durch den Park rächen. »Wenn sie das sagen ist das pure Verantwortungslosigkeit«, verteidigte Silva jüngst eingeleitete Maßnahmen zum strikten Schutz des Amazonas-Gebietes im Herzen des Andenlandes. Überraschenderweise hat die Aufhebung von Umweltlizenzen an Tourismus-Firmen und Holzschlag-Konzessionen einen neuen Sturm der Entrüstung gegen die Morales-Administration entfacht.

Holzfirmen müssen ihre Koffer packen

Mitte der Woche hatte Cliver Rocha, Chef der Behörde für Wald und Boden (ABT) erklärt, alle Holz-Firmen müssten TIPNIS unmittelbar verlassen. »Das Gesetz sieht die Räumung von TIPNIS-Auswärtigen vor, und die Unternehmen sind Auswärtige, weil der Staat ihnen zu keinem Zeitpunkt Landtitel zugesprochen hat«, so Rocha am Mittwoch. Drei Firmen habe ABT zum sofortigen Verlassen aufgefordert. »Dieses Territorium gehört den Yuracaré, Chiman und Mojeño-Trinitario«, stellte der ABT-Chef klar. Das neue TIPNIS-Schutzgesetz bestimme eindeutig, dass »Schutz und Erhaltung die Aufgabe des Staates ist«, so Rocha zur Unvereinbarkeit von Holzwirtschaft und Erhalt der Artenvielfalt.

TIPNIS-Schutz hat politische Vorfahrt

Nachdem der »Fall TIPNIS« viel Staub aufgewirbelt hat, ist der Schutz des artenreichen Paradieses mit seinen 5.500 Bewohnern ganz oben auf der politischen Agenda des Andenlandes angelangt. Der Druck der Straße auf die Regierung, so viel ist sicher, war ein Erfolg. Auch sind Befürchtungen von Umweltaktivisten, ölfirmen wie PdVSA aus Venezuela und Brasilien Petrobras würden in dem artenreichen Paradies neue Vorkommen erkunden und stünden kurz vor Bohrungen, zunächst vom Tisch. Nach zwei turbulenten Protest-Monaten gegen das »Messer aus Asphalt« durch die grüne Lunge Boliviens war die Morales-Administration den Forderungen der rund 1.000 Demonstranten des »Indigenen Protestmarsches zur Verteidigung von TIPNIS« in allen Punkten nachgekommen. Die Straße ist »für immer Geschichte«, so Morales auch am Mittwoch. Ende Oktober hatte der Chef der regierenden »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) das Riesengebiet von der Größe Jamaikas zur »unberührbaren Zone« erklärt. Das umstrittene Teilstück II, das mit einem 415-Millionen-Dollarkredit der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES finanziert wird, wurde für immer auf Eis gelegt. Experten arbeiten derzeit unter Hochdruck an einer Alternativ-Route für die unverzichtbare Verbindung zwischen Hoch- und Tiefland. Mit seinem »gehorchenden Regieren« war der Linkspolitiker auf die Hauptforderung von Indigenen-Verbänden und Umwelt-Nichtregierungsorganisationen im In- und Ausland eingegangen, so die Lesart aus dem Regierungspalast Palacio Quemado.

Unberührte Natur als Kapital-Anlage

Doch nicht bei allen TIPNIS-Verteidigern stößt der staatliche Naturschutz auf Gegenliebe. Pedro Vare, Funktionär einer der Interessenverbände im TIPNIS, greift das Verbot von Tourismus und Holzwirtschaft als »politische Maßnahmen« scharf an. Es ginge La Paz nicht um Umweltschutz. »Das ist nur Rache«, bringt Vare das »Wohl der indigenen Gemeinden« in Stellung. Auch Indigene sind Unternehmer. Vier Investoren aus Argentinien und ein Brasilianer haben im TIPNIS eine »öko-Herberge« gehobenen Standards inklusive Landebahn für Kleinflugzeuge aus dem Boden gestampft. Diese Investition könnte mit dem Morales-Dekret in den Sand gesetzt sein. Ein Wochen-Trip in den Dschungel kostet Touristen aus den USA und Europa 1.000 US-Dollar, bei Buchung im Ausland werden gar 7.000 US-Dollar fällig. Dieses Riesengeschäft mit dem öko-Tourismus will sich keiner entgehen lassen, unberührte Natur wird zum Kapital. Auf einer Pressekonferenz mit den Hotel-Eignern, die laut Regierungsangaben weder Angaben über ihre Einnahmen machen noch Steuern zahlen, hob Vare Vorteile für die Indigenen-Gemeinden hervor. »50 Prozent der Einnahmen« würden an vier Gemeinden fließen, gab Hotel-Chef Marcelo Pérez den Menschenfreund. Morales aber will Wort halten. Die mit den TIPNIS-Protestlern ursprünglich vereinbarte Unberührbarkeit des Parkes bedeute »Erhaltung des natürlichen Zustandes«. Weder Staat noch Wirtschaft seien Eingriffe erlaubt, so Morales.

Indigenen-Protest mit Fragezeichen

Rund einen Monat nach den Gesprächen zwischen Regierung und TIPNIS-Bewohnern gilt es den Konflikt einer kritischen Nachbetrachtung zu unterziehen. Von nationalen und internationalen Medien wurde der TIPNIS-Konflikt einseitig als Konfrontation zwischen Tiefland-Indigenen und Regierung erzählt. Nicht nur die Morales-Regierung hatte diese vereinfachte Front-Stellung in Frage gestellt. Die Mexikanerin Cecilia López, indigene Bürgermeisterin aus Oxchuc im Bundesstaat Chiapas erklärte jüngst ihre Zweifel an diesem schrägen Bild. »Was mich am meisten wundert ist die Tatsache, dass die Indigenen ein Infrastrukturprojekt ablehnen, das für alle Indigenen der Welt Synonym für Entwicklung ist«, so López auf einem Lateinamerika-Treffen lokaler Regierungen in La Paz. Der Bau einer Straße durch indigenes Gebiet bedeute nicht nur »Entwicklung und Fortschritt«, sondern vor allem ein »Ausweg aus Verstreuung und Isolation in der uns die Konquistadoren gefangen gehalten haben«, sieht López Interessen zahlreicher Akteure hinter dem Indigenen-Fußmarsch. »Wir können nicht in der Zeit stehen bleiben, während der Rest der Welt vom Fortschritt profitiert«, fordert die Indigenen-Politikerin Zugang zu Bildung, Gesundheit und Moderne. Derweil laufen Ermittlungen auf Hochtouren, von welcher Stelle die gewaltsame Auflösung des Protestmarsches gekommen war. Nach dem Polizei-Einsatz mit Tränengas und Schlagstöcken gegen Demonstranten Ende September waren in Bolivien mehrere Minister zurückgetreten.

Benjamin Beutler