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TIPNIS-Protest kurz vor La Paz

Der Protestmarsch gegen den Bau der Interoceanica-Straße durch den TIPNIS-Nationalpark steht nach fast zwei Monaten kurz vor La Paz. Allerdings liegt mit dem Aufstieg auf den Altiplano das schwierigste Teilstück vor den gut 2.000 Demonstranten. Während diese Staatspräsident Evo Morales beschuldigen, die Verfassung gebrochen und sich gegen die indigenen Völker Boliviens gewandt zu haben, organisierte dieser in La Paz eine Massenkundgebung.

Es war Mittwochnachmittag als die mehrere Hundert Meter lange Doppelreihe aus protestierenden Indígenas an der kleinen Hüttenansammlung Villa Marka vorbei marschierte. Aus dem Fernseher der Imbissstube drang Präsident Morales Stimme aus dem 90 Kilometer entfernt gelegenen La Paz. Schweigend hörten die seit fast zwei Monaten marschierenden Protestler Morales klagenden Vorwürfen zu. "Imperialistas" sollen hinter den Protesten gegen seine Regierung stehen, die alten Kolonialmächte. Doch den "cambio", den unter seiner Regierung eingeleiteten Wechsel, werde niemand stoppen können, so Morales.

Anhänger Morales´ per Autobus

Während der Protestzug am Mittwoch zu Fuß mit dem steilen Aufstieg Richtung La Paz begann, ließ Morales dort seine Anhänger per Autobussen zusammenbringen. Minenarbeiter, Hochlandindigene und Beamte füllten das Zentrum der Stadt. Beamte hätten die schriftliche Anweisung erhalten, auf der Kundgebung zu erscheinen und mindestens noch zwei weitere Personen mitzubringen.

Der Gegensatz zwischen dem staatlich angeordneten Jubel und dem spontanen Protestmarsch könnte kaum größer sein. Mit Badelatschen und in kurzen Hosen marschieren die Indigene, haben gut 200 Kleinkinder dabei, von denen bereits zwei auf dem Marsch gestorben sein sollen. Wie sie die eisigen Temperaturen auf der bis auf 4.600 Meter hoch führenden Bergstrasse überstehen wollen, scheint ungewiss.

Geschenk für Kokabauern?

Auch die Führer des Protestmarsches sprechen derweil von einem Wechsel. Morales sei in Wirklichkeit kein Indigenen-Führer mehr, sondern vor allem der Anführer der Kokabauern. Denen mache er mit der Straßenführung mitten durch den Naturpark TIPNIS in der bolivianischen Amazonasregion ein ganz besonderes Geschenk. Liegen doch dort noch für den Kokaanbau brauchbare Gebiete. Die alternativen Streckenführungen um den Park herum, die von den Demonstranten vorgeschlagen worden war, habe Morales deshalb abgelehnt, da sie durch für die Kokapflanze ungeeignete Regionen führe.

Durchhaltewille unterschätzt

Der Protestmarsch der Tieflandindigenen bringt Morales immer mehr in die Bredouille. Er hat wohl den Durchhaltewillen der in TIPNIS lebenden Indigenen unterschätzt, diesen durch den vollkommen missglückten und brutalen Polizeieinsatz gegen die Demonstranten vor gut zwei Wochen aber selbst noch zusätzlich angefeuert. Damit habe der Präsident jedwede demokratische Legitimierung verspielt, sich als autoritärer Herrscher gezeigt und seinen Ruf als Mann des Volkes verloren. Nebenbei habe er zudem die Verfassung gebrochen, indem er den Bau der Straße ohne die Anhörung der in dem Park lebenden Indigenen beschlossen hat, so die Protestler.

Ehrgeiziges Projekt

Die umstrittene Straße durch den TIPNIS-Park ist Teil eines ehrgeizigen Projektes zur Integration der südamerikanischen Länder durch den Bau gigantischer Straßentrassen. Dabei sollen auch die Atlantik- mit der Pazifikküste verbunden werden. Die von der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES finanzierte und von der brasilianischen Baufirma OAS ausgeführte "Trasse Nr. 2" schneidet dabei mitten durch das Naturschutzgebiet TIPNIS, dem letzten noch unberührten Regenwaldgebiet Boliviens. Trasse 1 und 3 sind bereits im Bau, nur das Verbindungsstück durch den Urwald fehlt.

Im Angesicht der auf La Paz zumarschierenden Protestler hat das Parlament nun die Anhörung der Indigenen beschlossen. Doch mittlerweile akzeptieren diese nur noch einen Baustopp - von Versprechungen der Regierung wollen sie sich nicht mehr einwickeln lassen.

Wut auch gegen die brasilianische Regierung

Die Wut der Indigenen richtet sich auch gegen die brasilianische Regierung, die an dem Bau der Interoceanica ein ganz besonderes Interesse hat: Braucht man doch den Zugang zu einem Pazifikhafen, um den Export von Rohstoffen aus Zentralbrasilien nach Asien, besonders nach China, abzuwickeln. Bisher wird dieser über Brasiliens Atlantikhäfen abgewickelt, was zu hohen Transportkosten führt. Die Brasilianer mit ihrer Entwicklungsbank BNDES, die den Kredit für die wohl überteuerte Straße an Bolivien vergibt, seien in Wirklichkeit die "neuen Imperialistas", so Führer der Indigenen. Bezahlen müsse letztlich Bolivien, sowohl für die Kredite wie auch mit dem Verlust seines letzten Naturparadieses.

Ankunft in La Paz wegen Richterwahl verschieben

Bisher ist unklar, wann der Protestmarsch La Paz erreicht. Aus Rücksicht vor den am Sonntag stattfindenden Richterwahlen will man die Ankunft auf die nächste Woche verschieben. Schließlich dürfe man der Regierung keine Ausrede für eine mögliche Niederlage bei der sonntäglichen Abstimmung liefern, so die Protestler.

Spannend bleibt auch die Frage wie sich die Bevölkerung der Stadt gegenüber den protestierenden Tieflandindigenen verhalten wird. Ob Präsident Morales persönlich mit den Demonstranten verhandeln wird, ist ungewiss. Die Chance dazu hat er vielleicht schon verspielt.

Thomas Milz, La Paz