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Terrassenfelder sichern Chiles Ernährungssouveränität

Das Volk der Inka machte im 15. Jahrhundert den Terrassenbau populär. Noch heute prägt er das Bild der ehemaligen Inka-Siedlungsgebiete. Foto: Alberto..., CC BY 2.0
Das Volk der Inka machte im 15. Jahrhundert den Terrassenbau populär. Noch heute prägt er das Bild der ehemaligen Inka-Siedlungsgebiete. Foto: Alberto..., CC BY 2.0

Wasser ist in vielen Regionen der Anden-Bergkette ein rares Gut. Der Klimawandel kann dieses Bild noch verschärfen: In vielen Teilen der längsten Bergkette der Welt werden abnehmende Niederschlagsmengen prognostiziert. Hinzu kommt, dass die für die Anden typischen Gletscher langsam schmelzen und immer weniger Schnee tragen. Dadurch wird auch weniger Wasser die Hänge hinunter gespült.

Doch schon vor Hunderten von Jahren dachten sich die Bewohner der Gebirgszüge Methoden aus,um in den regenarmen Monaten dennoch ausreichend Wasser für ihre Pflanzungen zu haben. Die Inka machten im 15. Jahrhundert den Terrassenbau populär, der noch heute das Bild
der ehemaligen Siedlungsgebiete dieses Volkes prägt. Sie lehrten andere Völker der Anden, es ihnen gleichzutun, so auch die Atacameño und die Quechua, die bereits seit rund 9.000 Jahren die Atacama-Wüste im Norden Chiles bewohnen.

"Wasser ist im Norden Chiles besonders rar. Terrassen sorgen dafür, dass es wesentlich effizienter genutzt werden kann", erklärt Fabiola Aránguiz, Expertin für kleinbäuerliche Landwirtschaft und Mitarbeiterin der Welternährungsorganisation FAO gegenüber IPS.

Traditionelle Terrassen

Für die Terrassen wurden in Handarbeit Mauern aufgeschichtet. Auf den ersten Inka-Terrassen wurden Mais, Kartoffeln, Quinoa, Amarant, Kürbis, Tomaten, Erdnüsse und Paprika angebaut. Die Bewässerung erfolgte durch Kanäle. Die heute noch erhaltenen Inka-Terrassen, unter anderem um den Machu Picchu in Peru herum, gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Um eine gute Ernte zu erzielen, trugen die Atacameño und die Quechua in Chile für den Terrassenfeldbau die obere Erde ab und bessere, fruchtbare Erde auf. "Dadurch wurden Mikroklimazonen erzeugt, in denen ganz unterschiedliche Früchte angebaut werden konnten", erklärt Jaime Pinto, der für das Landwirtschaftsministerium arbeitet. Noch heute wachsen in der Gegend Knoblauch, Aprikosen und Äpfel und werden teils in großem Stil angebaut.

Ertragreiche Anbauweise

In der Region um die Wüstenstadt Antofagasta leben heute noch 14 Hochlandgemeinschaften, die die Tradition des Terrassenfeldbaus pflegen. In den Dörfern Caspana mit 400 Einwohnern und Río Grande mit 100 Einwohnern können sich die Bewohner nicht nur selbst ernähren, sondern sie bauen auch so viel an, dass sie einen Teil der Ernte verkaufen und Einkommen generieren können.

In anderen Dörfern wie Toconce mit 100 Einwohnern wird weniger Ertrag erzeugt. Grund ist vor allem die Landflucht vieler Bewohner, sodass trotz ausreichender Fläche und ausgebauter Terrassen nur wenige helfende Hände vor Ort sind, um für den Verkauf zu produzieren.

Wasser-Richter wacht über die knappe Ressource

Caspana ist ein "Dorf der Bauern und Schafhirten". So steht es eingraviert in Stein am Eingang des Dorfes. Jede Familie hier hat ihr eigenes Terrassenfeld, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. "Wir haben fruchtbares Land", erzählt Liliana Terán gegenüber IPS, die in Caspana mit ihrer Familie wohnt und dem Atacameño-Volk angehört. "Alles, was wir anbauen, wächst auch."

Jedes Dorf hat seinen "Wasser-Richter", der den Verbrauch des kostbaren Gutes überwacht. Er bestimmt, wann wie viel Wasser genutzt werden darf und wann - im wörtlichen Sinne - der Hahn zugedreht wird. Wenn er den Hahn aufdreht, fließt das Wasser durch die vertikal angelegten Wasserläufe zwischen den Terrassen vom höchsten Punkt bis zum niedrigsten hinunter. So werden alle Felder bewässert.

Terrassenfeldanbau gegen Klimawandel

"Dieses System macht den Terrassenfeldbau zu einer effizienten Methode, um dem Klimawandel zu begegnen", sagt FAO-Expertin Aránguiz. "Gut gebaute Terrassen, die regelmäßig gepflegt werden, können die Stabilität der Berghänge sichern. Dadurch werden bei Extremregenfällen Schlammlawinen verhindert."

Die Bewohner der Gegend geben sich viel Mühe für den Erhalt der Terrassen. Weil die Landwirtschaft für sie lebensnotwendig ist und die Praxis des Terrassenbaus ein wichtiger Teil ihrer Kultur ist, richten sie einmal im Jahr ein großes Fest aus.

Anlass ist eine traditionelle Zeremonie, bei der die lokalen Bauern zusammenkommen, um die Wasserwege entlang der Terrassen zu säubern. Damit bereiten sie sich auf die nächste Erntesaison vor.

Förderung durch Regierung

Die Regierung sieht sich in der Verantwortung, die Tradition zu schützen. Das staatliche Institut für landwirtschaftliche Entwicklung hat daher ein Programm aufgelegt, um die Terrassen zu reparieren, die im letzten schweren Sturm im Norden Chiles zerstört wurden. Andere Programme sollen Jugendlichen aufzeigen, dass die Landwirtschaft ein sinnvoller ökonomischer Zweig ist, in den es sich einzusteigen lohnt.

Quelle: IPS, Autorin: Marianela Jarroud, Deutsche Bearbeitung: Julia Krämer, Foto: Alberto..., CC BY 2.0