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"Tag des Indio" - kein Grund zum Feiern

Seit fast 70 Jahren begeht Brasilien den 19. April als den „Tag des Indio“. Allerdings ist den meisten der gut 800.000 Ureinwohner kaum nach Feiern zumute. Obwohl die Verfassung von 1988 ihnen langersehnte Grundrechte wie Landzuteilung und eine eigene staatliche Gesundheitsbehörde zuerkannt hat, sieht die Realität meist anders aus. Zu Monatsbeginn riefen Indigenevertreter angesichts ihrer dramatischen Situation sogar die Vereinten Nationen zum Eingreifen auf. Im Zuge eines Verfassungszusatzes, der derzeit dem Kongress vorliegt, könnte es noch schlimmer kommen.

„PEC 215/2000“, so lautet der offizielle Name des Gesetzesvorhabens, das wie ein Damoklesschwert über der Zukunft der Indigenen schwebt. Noch in diesem Jahr soll darüber im Plenum abgestimmt werden. Der Zusatz sieht vor, dass die Entscheidung über die Anerkennung von Landrechten und die Einrichtung von Indigenen-Reservaten von der Exekutive auf die Legislative übertragen wird.

Zwar nahm sich auch die Regierung stets viel Zeit für die Vergabe des Landtitels an die Indios. Doch nun graut es den Indigenen angesichts der mächtigen Agrarlobby im Kongress, die ihren Bemühungen um Anerkennung von angestammtem Siedlungsland komplett den Garaus machen könnte.

Seitdem den Eingeborenen in der derzeit gültigen Verfassung von 1988 die Anerkennung ihrer Landrechte zugesagt wurde, seien „lediglich ein Drittel aller 1.046 Indigenengebiete offiziell anerkannt worden“, so der katholische Indianermissionsrat CIMI in einem Schreiben an die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. „Wir haben ihr klar gemacht, dass die Zulassung des Verfassungszusatzes ein großer Rückschritt wäre und direkt die Rechte der Indigenen-Völker beeinträchtigen würde“, sagt Adelar Cupsinski vom CIMI.

250 Indigene in den letzten Jahren von weißen Siedlern ermordet

Bei einer Begegnung mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen in Brasilia Anfang April hatten die CIMI-Vertreter die UN-Koordinatorin Amos zu einem humanitären Einsatz zugunsten der Indios in Brasilien aufgerufen. So müsse einerseits die Gewalt weißer Siedler gegen Indigene gestoppt sowie die Regierung endlich dazu gebracht werden, die in der Verfassung garantierte Gesundheitsversorgung der Indigenen in die Tat umzusetzen. In diesem Zusammenhang verwies CIMI auf die Ermordung von 250 Guarani-Kaiowa-Indigenen durch weiße Siedler zwischen 2003 und 2010 sowie auf den Hepatitis-Tod von 300 Indigenen in der Region Vale do Javari innerhalb der vergangenen zehn Jahre.

Tatsächlich steht es um die Gesundheitsversorgung der Indios in vielen Gebieten Brasiliens sehr schlecht. Die Sterblichkeitsrate durch Unterernährung liegt bei den Indigenen mit 11,2 Fällen je 100.000 Menschen fast dreimal so hoch wie in der übrigen Bevölkerung (4,3). Zudem haben die Entwurzelung vieler Indiogruppen und das damit verbundene Leben am Rande der Gesellschaft zu einer Welle von Selbstmorden geführt. Allein im Bundesstaat Mato Grosso do Sul wurden zwischen 2003 und 2010 insgesamt 176 Selbstmorde von Carajas-Indigenen gezählt. Im gleichen Zeitraum kam es zu 250 Morden und 190 Mordversuchen an Stammesangehörigen, wie Senatoren bei einer Feierstunde zum „Tag des Indio“ erklärten.

Streit um Land seit 28 Jahren

Pünktlich zum Gedenktag spitzt sich die Lage im Süden des Bundesstaates Bahia zu. Hier streiten Indigene vom Stamm der Pataxo Ha Ha Hae und weiße Siedler seit 28 Jahren um Land. Am Montag besetzten die Indigenen nun elf Landgüter und nahmen kurzzeitig 22 Arbeiter als Geiseln. Seit 2008 liegt der Fall beim Obersten Gericht Brasiliens - und es ist keine Entscheidung in Sicht. Die Indigenen verweisen darauf, dass das Gebiet bereits 1936 als Indioreservat festgeschrieben wurde. Doch dies scheint wenig zu zählen.

Für einen kleinen Hoffnungsschimmer am sonst trüben Horizont der Indigenen könnten vielleicht doch die UN sorgen - allerdings nicht so, wie von den Indigenen erhofft. Bei der Klimakonferenz „Rio+20“ der Vereinten Nationen sollen drei Indigenen-Zelte aufgebaut werden, in denen die Indigenen ihre Vision von einer grüneren und gesünderen Welt zeigen dürfen. Immerhin.

Autor: Thomas Milz, Quelle: KNA

Viele Indigene in Brasilien warten noch immer auf die Vergabe ihrer Landtitel. Foto: Escher/Adveniat