Kolumbien, Chile |

Studentenproteste gehen weiter

Mit landesweiten Demonstrationen sind Chiles Studenten am Mittwoch, 8. Mai, erneut für die Reform des Bildungssystems auf die Straßen gegangen. Auslöser der Protestmärsche in verschiedenen Großstädten war eine Entscheidung des Bildungsministeriums über die Vergabe von Studienstipendien. Über 2.700 Studenten hatten in den letzten Wochen ihre Studienförderung verloren, so Angaben der Studentenvereinigung CONFECH.

In Santiago de Chile hatten laut Zeitungsberichten rund 80.000 junge Menschen friedlich auf Straßen und Plätzen der Hauptstadt für kostenlose Bildung demonstriert. Auch in anderen Städten folgten Tausende dem Protestaufruf. Begleitet wurden die Demonstranten, darunter auch viele Schüler, vielerorts von einem massiven Polizeiaufgebot. Am Abend kam es in der Hauptstadt zu vereinzelten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten. „Das ist vielleicht die letzte Gelegenheit, damit der Staatschef in seiner Bildungspolitik eine Kehrtwende vollzieht“, hieß es auf der Abschlussveranstaltung von der Studentenvereinigung der Universität Chile (FEUC).

„Das ist ihr gutes Recht; wenn sie wollen, können sie jeden Tag demonstrieren“, erklärte sich Präsident Sebastian Piñera weiter gegen die Forderungen der Studierenden. „Ich glaube der Staat hat kein Recht die Bildung zu monopolisieren, das Geld aller Chilenen sollte nicht für die Bildung der Reichsten verwendet werden“, fügte der reichste Mann des Landes hinzu. Darum sei er gegen die von den Studenten geforderte Grundgesetzänderung, die das Recht auf kostenfreie Bildung für alle garantiert.

Chiles Bildungssystem ist ein Erbe der Pinochet-Diktatur (1973 - 1990). Während der 27 Jahre dauernden Alleinherrschaft des Militärdiktators verlor der Staat sukzessive seinen Einfluss im Bildungsbereich. Heute sind nur 36 Prozent des Schulwesens in öffentlicher Hand. Im Universitätsbereich sieht es ähnlich aus. Selbst in öffentlichen Hochschulen müssen Familien pro Monat bis zu 900 US-Dollar für Gebühren aufbringen, was zu hoher Verschuldung über Bildungskredite führt.

Sozialer Aufstieg über Bildung ist in Chile eine Illusion. Laut Statistiken schaffen in den ärmsten Klassen nur 65 Prozent der Jugendlichen ihren Schuldabschluss vor dem 24. Lebensjahr. Jugendliche gleichen Alters aus reichen Haushalten haben dann schon zwei Jahre Hochschulbildung hinter sich. Chile ist das OECD-Land mit der größten Schere zwischen Arm und Reich. Die 300 reichsten Familien kontrollieren elf Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung. (bb)

Weitere Nachrichten zu: