Bolivien |

"Stich für Stich"

In ganz Bolivien arbeiten 160 Familien für die Fair Trade Organisation Ayni. Berufsschüler der Deutschen Schule La Paz machen die schweren Lebensbedingungen der Alpaka-Näherinnen bekannt.

Doña Quispe ist Näherin und lebt in La Paz. Schüchtern und ehrlich beantwortet die 39jährige die Fragen der Schüler von der deutschen Berufsschule Colegio Alemán »Mariscal Braun«. »Seit sieben Jahren arbeite ich mit Ayni zusammen«, berichtet die Mutter dreier Kinder in die wacklige Videokamera, die ihr die angehenden Industriekaufleute entgegenhalten. Schwer ist ihre Arbeit, mühsame Handarbeit, erklärt sie den jungen Leuten. Sehr aufwändig und zeitraubend: »Stich für Stich« verarbeitet sie den weichen Stoff aus Alpaka zu Pullovern und Schals. Alpakas, das sind die Schafe der Anden. Die Kameltiere liefern die bekannte Alpaka-Wolle, schon bei den Inkas hieß das Tragen warmer Alpaka-Mäntel Ansehen und Wohlstand. Am Ende verkauft sie ihre Ware an Ayni, einen Zusammenschluss von 25 Kleinbetrieben im ganzen Andenland, der im Ausland nach zahlungskräftigen Abnehmern zu »fairen Preisen« sucht.

Kampf gegen Windmühlen

Dabei hat Ayni Bolivia einen schweren Stand. Als Mitglied in der »World Fair Trade Organization« (WFTO) ist ein immer schneller werdender Welthandel mit enormen Preisschwankungen ausgemachter Gegner. WFTO-Mission ist die Verbesserung der Lebensbedingungen benachteiligter Produzenten, mehr Zusammenarbeit von Fairhandelsorganisationen und der Kampf für Gerechtigkeit im Welthandel. Auch Ayni stemmt sich gegen die Ausbeutung der Arbeiterinnen durch Dumping-Preise. Ayni ist ein Wort aus der Sprache der Aymara und bedeutet »perfektes Gleichgewicht«, so die uralte Idee vom Sieg über die Ausplünderung menschlicher Arbeitskraft. »Das andine Ayni beruht auf den Schlüsselkonzepten von Gegenseitigkeit und Zusammengehörigkeit«, beschreibt der Aymara-Philosoph Fernando Huanacuni Mamani den Wunsch nach einer Wirtschaft, in dem der Mensch der Mittelpunkt ist.

Kaderschmiede Deutsche Schule La Paz

Wie Fairer Handel funktionieren soll, und wie die Näherinnen leben, das wollten die Industriekaufleute herausfinden. Gutbetuchte Bolivianer kennen die Lebenswelten der schlechter gestellten Bevölkerungsmehrheit meist nur vom Alltag ihrer Hausangestellten. Wer in der Hauptstadt Geld hat, kommt aus der »Zona Sur«. Auch die Deutsche Schule, 1923 gegründet, ist hier zu finden. Abseits von lärmenden Staus, den Schatten der Hochhäuser und stickiger Luft im auf über 3500 Meter gelegenen Stadtzentrum lebt hier – tief im Talkessel der engen Hauptstadt – die kleine, aber feine Oberschicht. Mindestens 230 Euro muss für das monatliche Schulgeld berappt werden. Viel Geld im noch immer ärmsten Land des Kontinents. Der Mindestlohn liegt hier knapp über 100 Euro. Auch die Mittelschicht muss ihren Gürtel enger schnallen, will sie einen der begehrten Plätze an der Eliteschule ergattern. Wer es einmal hierher geschafft hat, dem winkt ein Studium in Deutschland und lukrative Jobs in Verwaltung, Politik und Business.

Blick über den Tellerrand

Um ihren mehr als 1000 Schülern den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen, setzt die Deutsche Schule auf Begegnungen mit der rauen Außenwelt. »Herstellung von Textilien aus Alpakawolle in Bolivien und deren Vermarktung im Fairen Handel in Deutschland«, lautet darum das Motto der sieben jungen Leute. Nicht nur mit Doña Quispe wurde gesprochen. Gesammelt wurden Informationen über Bedingungen für Fairen Handel. Die Interviews stellten die Berufsschüler über die Internet-Lernplattform Moodle online. Ihre Eindrücke tauschten sie schließlich mit einer 10. Klasse der UNESCO–Projektschule IGS Dillingen/Saar auf der anderen Seite des Atlantiks aus. Aufgerufen zu der Aktion hatte das Projekt »Chat der Welten« der »Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit« (GIZ) und des Lehrerfortbildungsinstitut des Saarlandes. Von der »Internationalen Handelskammer« (IHK) bekamen die Berufsschüler dafür in Berlin jüngst einen Preis überreicht.

Fairer Handel - Kleines Geld

Doña Quispe wird ihr ganzes Leben weiter nähen. Mit Ayni spart sie sich den Verkauf auf dem Wochenmarkt. Große Sprünge aber macht sie nicht. »1500 Bolivianos«, antwortet sie auf die Frage, wie viel sie verdient. Das sind 160 Euro im Monat. Ihre Kinder auf die Deutsche Schule zu schicken, das wird ein ferner Traum bleiben. Was ihr das Fair-Trade-Modell für Vorteile gebracht hat, fragen sie die Schüler in einem der Interviews. Das Schweigen von Doña Quispe bricht schließlich einer der Interviewer: »Na, es sind die fairen Preise!«

Autor: Benjamin Beutler

Das komplette Interview mit Doña Quispe:

http://www.youtube.com

In einem Projekt in El Alto lernen Aymara-Frauen das Stricken von Fingerpüppchen, um sich damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Foto: Adveniat/Ebel