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Stein für Stein "€“ Frauen erobern die Baustellen

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie auf einer normalen Baustelle. Ziegelsteine, Holzbalken und Eisenteile werden in Schubkarren transportiert. Im Hintergrund hört man ein Hämmern, Bohren und Sägen. Und doch ist etwas anders als sonst: Unter den Helmen und Schutzmasken stecken Frauen.

Auf dieser Baustelle in Rio de Janeiro zeigt sich der brasilianische Arbeitsmarkt von einer ungewohnten Seite, auch wenn die sieben Frauen gegenüber den rund 90 männlichen Kollegen deutlich in der Minderzahl sind. Allerdings mussten sie sich ihren Platz ganz oben auf dem Gerüst vor dem achtstöckigen Neubau hart erkämpfen.

"Alle haben mir gesagt, dass ich als Frau auf dem Bau keine Chance hätte", sagt Daiana Aguiar. Selbst ihre Freunde hatten ihr nicht zugetraut, dass sie Arbeit schaffen würde. Die 23‐Jährige weint ihrer früheren Tätigkeit als Kassiererin in einem Supermarkt allerdings keine Träne nach. "Ich arbeitete die ganze Woche und oft auch an den Wochenenden", erinnert sie sich. "Auf dem Bau verdiene ich viel mehr, außerdem habe ich jetzt samstags und sonntags frei."

Zutritt zu der Männerdomäne erhielt Agiuar mit Hilfe der nichtstaatlichen Organisation ´Mão na Massa´ (Hände in der Masse), die seit drei Jahren Frauen bei der Jobsuche unterstützt. Hinter der Organisation stehen der Wohltätigkeitsverband FIB sowie die Staatsunternehmen Petrobras und Eletrobras.

Der theoretische Teil des Lehrgangs nimmt 460 Stunden in Anspruch. Hinzu kommen 300 Stunden für Praktika und Schulungen auf Baustellen, in Malerwerkstätten, Tischlereien und Klempnereien. Darüber hinaus werden die Frauen mit Sicherheitsbestimmungen am Arbeitsplatz, Gesundheitsvorsorge und Bürgerkunde vertraut gemacht.

Das Fortbildungsangebot richtete sich an Mütter und Hausfrauen, die im privaten oder öffentlichen Sektor Arbeit suchten. Die Erfolgsquote lag bei immerhin 70 Prozent. "Wir kämpfen gegen das Vorurteil, dass Frauen nichts auf dem Bau verloren haben", sagt die Koordinatorin von Mão na Massa, Norma Sá.

Die Idee zu dem Projekt stammte demnach von der Ingenieurin Diese Gravina, die in Favelas beobachtet hatte, wie Frauen ihren Vätern und Ehemännern bei der Renovierung von Häusern halfen. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass viele dieser Frauen gern auf dem Bau gearbeitet hätten, aber dachten, dies sei ein reiner Männerberuf. Einige Frauen nahmen jedoch die Herausforderung an.

Die 36‐jährige Sunilda dos Santos, die zwei Kinder und einen Enkel hat, verdiente erst Geld als Wäscherin und Büglerin. Dann sattelte sie auf Tischlern um, weil sie überzeugt war, dass sie mehr leisten konnte. Eine besser bezahlte, qualifizierte Arbeit wirkt sich bei vielen Frauen positiv auf das Selbstbewusstsein aus.

"Jetzt habe ich sogar eine Kreditkarte", berichtet Santos stolz. Die Männer müssten sich halt an die neue Situation gewöhnen, meint die Handwerkerin. "Sie wollen uns bisher nicht ganz akzeptieren, weil wir auf ihr Terrain vorgedrungen sind. Für sie ist das alles auch nicht immer einfach."

Frauen, die in Männerberufe vordringen, müssen sich häufig dumme Sprüche anhören. "Dass Frauen schon mit Besen eine Gefahr darstellen und mit Hammer erst recht", berichtet Santos. "Außerdem wird von uns viel mehr erwartet als von unseren männlichen Kollegen", fügt Sá hinzu. Denise Rodrigues, Finanzchefin der Firma Cofix, die die sieben Bauarbeiterinnen beschäftigt, erinnert sich noch gut an das Erstaunen, das die Bewerbungen der Frauen auslösten. "Doch dann dachten wir, warum eigentlich nicht?"

Frauen arbeiten effizienter


In manchen Bereichen hat die Geschäftsführerin sogar viel bessere Erfahrungen mit Frauen gemacht: "Sie sind detailgenauer und vorsichtiger. Außerdem vergeuden sie nicht soviel Material." Unter dem Strich spart die Firma auf diese Weise Kosten. Und die Männer reißen sich in Gegenwart des anderen Geschlechts mehr zusammen und fluchen nicht mehr so häufig. Rodrigues hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass die technologischen Entwicklungen den Mythos des ´harten Bauarbeiterberufs" endgültig zerstört haben.

Laut Statistiken der Behörde für Frauenpolitik haben es in den vergangenen Jahren immer mehr Brasilianerinnen gewagt, neue Wege einzuschlagen. Zwischen 2008 und 2009 sei die Präsenz von Arbeiterinnen auf Baustellen um drei Prozent gestiegen, heißt es. Dazu habe auch der Boom der Branche beigetragen. Die höheren Investitionen in Bauprojekte hätten es den Arbeitgebern ermöglicht, weiblichen Bewerbern zusätzliche Anreize zu bieten.

2009 verkündete die Behörde das Ziel, in den ersten zwei Jahren 2.670 Frauen in den Bundesstaaten Rio de Janeiro, Bahia, São Paulo und Rio Grande so Sul in ein von den Gemeinden unterstütztes Förderprojekt für Bauarbeiterinnen aufzunehmen.

María Rosa Lombardi von der nichtstaatlichen Carlos‐Chagas‐Stiftung macht allerdings darauf aufmerksam, dass Frauen auf Baustellen bisher nicht den gleichen Lohn wie Männer bekämen und auch nicht in Vorarbeiterpositionen aufstiegen. "Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor von Machos geprägt."

Autorin: Fabiana Frayssinet, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, in: IPS Weltblick