Argentinien |

Statt triumphaler Bühne herrscht Furcht vor Randalen

Der G-20-Gipfel findet in Buenos Aires statt. Die Angst vor Randalen, wie 2017 in Hamburg, ist groß. Das Land befindet sich derzeit in einer Krise, was die Situation vor Ort und die Wut auf den "Elitengipfel" noch verschärft. 

Der G20-Gipfel fand im letzten Jahr in Hamburg statt. (Foto: The White House, Flickr, Public Domain Mark 1.0)

Eigentlich hätte der bevorstehende G-20-Gipfel in Buenos Aires ein Triumph werden sollen:  17 Jahre nach dem turbulenten Default seines Landes wollte Argentiniens Präsident Mauricio Macri die Rückkehr auf die internationale Bühne feiern, sich im Lichte der versammelten Mächtigen sonnen und seine Wiederwahl im kommenden Jahr vorbereiten. Stattdessen kämpft der konservative Unternehmer mit einer kränkelnden Wirtschaft, die wieder einmal am Tropf des in der Bevölkerung verhassten Weltwährungsfonds (IWF) hängt und sieht sich ständigen Protesten einer verarmenden Gesellschaft ausgesetzt. Am Wochenende sorgten dann auch noch Vandalen dafür, dass das Endspiel der südamerikanischen Champions League zwischen Boca und River – den traditionellen Erzfeinden – suspendiert werden musste, und Angst aufkam vor einer Wiederholung der Hamburger Krawalle von 2017. Das sei ebenso peinlich gewesen wie alarmierend, schrieb der Kommentator der Zeitung „La Nación“, Carlos Pagni. Entsprechend niedrig habe Macri nun das Ziel gehängt. „Dass der Gipfel nicht scheitert, ist unter diesen Umständen schon ein Triumph.“ 

Weil auch US-Präsident Donald Trump erwartet wird – es wäre seine erste Reise nach Lateinamerika seit seiner Wahl – ist eine enorme Vorhut von Sicherheitsleuten seit Tagen damit befasst, die normalerweise recht chaotische Hauptstadt für den US-Präsidenten sicher zu machen. Der Freitag wurde zum Feiertag erklärt, 22.000 Polizisten sind aufgeboten, dazu kommen bis zu 1000 Bodyguards pro Delegation. Während der Veranstaltung wird der Luftraum über Buenos Aires gesperrt ebenso wie ein Teil des Rio de la Plata für die Schifffahrt. Weil die Veranstaltung recht zentral in einem Messezentrum des Mittelschichts-Viertels Palermo stattfinden wird, geht sie für die Anwohner einher mit unzähligen Beeinträchtigungen wie gesperrten Strassenzügen und Metrostationen. „Am besten geht man da gar nicht aus dem Haus“, sagt der Angestellte Jaime López verärgert. „Nicht alle können sich ein verlängertes Wochenende am Strand leisten“, fügte er unter Anspielung auf den wachsenden sozialen Graben hinzu.

Linke Wut 

Die Furcht vor Ausschreitungen schwebt unausgesprochen über dem Gipfel. Sicherheitsministerin Patricia Bullrich drohte, das Polizeiaufgebot sei dermassen enorm, dass Randale sofort im Keim erstickt würden. Linke Gruppen haben für Freitag Proteste angekündigt und kritisierten, seit Wochen käme es zu einer Hexenjagd im ganzen Land auf Linke und Autonome, die eingesperrt oder sogar exekutiert würden. „G20  ist ein antidemokratisches und neoliberales Forum. Dort haben nur die Eliten eine Stimme, also diejenigen, die für die Wirtschaft- und Finanzkrisen verantwortlich sind, unter denen die Völker leiden“, erklärten sie bei einem Forum vor einigen Wochen. 

Das findet in Argentinien durchaus Gehör. Der IWF und spekulative Hedgefonds sind in den Augen vieler für den Default von 2001 verantwortlich und für Macris radikalen Sparkurs, der sich in drastischen Erhöhungen der Energie-, Wasser- und Transportpreise und in Einschnitten bei den Sozial- und Bildungsausgaben niederschlägt. Diesen Missmut für sich nützen will vor allem die angeschlagene lateinamerikanische Linke. Auf einem Gegengipfel will sich die linksperonistische Expräsidentin Cristina Kirchner neu positionieren und Gäste wie Brasiliens abgesetzte Staatschefin Dilma Rousseff, den bolivianischen Vizepräsidenten Alvaro Garcia Linera und den spanischen Podemos-Gründer Pablo Iglesias empfangen. Doch ob von der Riege, die unter Verdacht von Korruption und Autoritarismus steht, ein Erneuerungsschub ausgeht, ist nicht ausgemacht. Eine soziale Zeitbombe lauert in Argentinien aber auf jeden Fall. Die argentinische Delegation hätte daher am liebsten eine versöhnliche Abschlusserklärung, in der auch soziale Aspekte einfliessen. Der G-20 Gipfel bringe allen etwas, hatte Macri vollmundig versprochen.
 

Weitere Nachrichten zu: Politik