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Starke Frauen für den Frieden (Interview)

Eine kolumbianische Frauenrechtsaktivistin erklärt im Gespräch mit Blickpunkt Lateinamerika, wie sich die in Gewalt in Kolumbien auf den Alltag der Menschen auswirkt und wie Frauenrechte den Frieden stärken.

Kolumbien Frieden Bürgerkrieg Lateinamerika

Foto (Symbolbild Bürgerkriegsopfer): Adveniat/Philipp Lichterbeck

Ana Mercedes Pereira Sousa ist Soziologin und arbeitet für das Netzwerk Red Ecuménica Nacional de Mujeres por la Paz (REMPAZ), das auch vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. In der nordkolumbianischen Region Montes de Maria betreut sie Frauengruppen mit dem Ziel, Bildungsprozesse zur Geschlechtergerechtigkeit und zu friedlicher Konfliktlösung in Gang zu setzen. Im Vordergrund steht die Stärkung von Frauen, die Opfer des Bürgerkriegs geworden sind. Montes de María ist eine Region, in der die Gewalt, vor allem durch paramilitärische Gruppen, in letzter Zeit wieder zugenommen hat.  

Blickpunkt Lateinamerika: Täglich hören und lesen wir davon, dass indigene Anführer, Menschenrechtsaktivisten und Politiker in Kolumbien bedroht und ermordet werden. Wie wirkt sich die zunehmende Gewalt ganz konkret auf das Leben der Menschen aus?

Ana Mercedes Pereira Sousa: Zwar wurde der Friedensvertrag in Kolumbien unterschrieben, aber in der Praxis wird er nicht gelebt. Es gibt weiterhin verschiedene Formen von Gewalt, die noch stärker sind als zuvor. Dass zum Beispiel der ehemalige Farc-Guerillero Iván Márquez seine Rückkehr zum Kampf angekündigt hat, bedeutet Angst und Schrecken für die Menschen. Denn sie wissen, was dieser Konflikt bedeutet. Infolge des Konflikts wurden mehr als zehn Millionen Menschen vertrieben.

REMPAZ arbeitet seit 2001 in der Region Montes de María. Dort mussten wir die Vertreibung von mehr als 15.000 Menschen miterleben, die in vom Land in die Stadt flohen. Es war sehr schwierig, so viele Menschen, darunter Kinder und Senioren, zu versorgen. Bewaffnete Gruppen haben den Bauern das Vieh gestohlen, um ihre Kämpfer zu ernähren. In dieser Region standen die Bauern zwischen den Fronten von Farc, ELN, Paramilitärs und Drogenhändlern. Ihre einzige Chance ist es, sich einer dieser Gruppen anzuschließen – oder zu fliehen. Jetzt haben sie Angst, wieder vertrieben zu werden.

Stehen wir am Beginn eines neuen Bürgerkriegs? 

Ich glaube, dass der Konflikt gar nicht aufgehört hat. Aber es wurde versucht, die Situation zu verbessern: Zum Beispiel gibt es Frauennetzwerke, mehr Kommunikation, mehr Solidarität und mehr Sammelklagen. Indigene Dorfgemeinschaften, Bauern und Afroamerikaner schließen sich zusammen und tauschen sich aus, wie sie ihre Rechte verteidigen können. Es kann hilfreich sein, wenn eine kritische Bewegung für die Verteidigung der Landrechte und die Rechte der Frauen entsteht. 

Also glaubt die Bevölkerung weiterhin an diesen Friedensprozess? 

Als das Abkommen in Cartagena unterschrieben wurde, gab es viel Hoffnung, dass sich alles bessern würde. Als dann aber die Regierung wechselte, verschlimmerte sich die Situation, da die derzeitige Regierung gegen die Dialogpolitik ist. Präsident Iván Duque will die Guerilla mit Waffen besiegen. Das ist sein Projekt, dabei lässt er die Paramilitärs außer Acht. 

Es gibt weitere Friedensgegner: Bei der Abstimmung über den Friedensvertrag haben zwei Millionen Evangelikale mit „Nein“ gestimmt. Bisher waren die Anhänger der evangelikalen Kirchen politisch nicht aufgefallen. Jetzt dominieren sie die in Lateinamerika aufstrebenden religiösen und fundamentalistischen Parteien. Sie stellen sich gegen Land- und Frauenrechte und versuchen dies auch politisch durchzusetzen.

Die sozialen Konflikte verschärfen die Lage. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher. Für die Jugend gibt es keine Arbeit, keine Ausbildung, keine Studienmöglichkeiten. Wer keine Perspektive hat, verfällt den Drogen oder schließt sich möglicherweise einer der Konfliktparteien an. 

Sie sagen, dass es nur ein Abkommen mit der Farc-Guerilla, aber nicht mit den anderen bewaffneten Gruppen in Kolumbien gab. Wie kann der Konflikt trotzdem beendet werden?

Eines der schwerwiegenden Probleme der Politik ist die Korruption in der Verwaltung. Wir haben eine Regierung, die Milliarden Pesos veruntreut, anstatt sie in Krankenhäuser, Schulen oder in das Wohlergehen der kolumbianischen Gesellschaft zu investieren. Wenn es keine Korruption gäbe, gäbe es soziale Gerechtigkeit. Denn der Nährboden für den Konflikt ist die Ungleichheit. 

Darüber hinaus fehlt Transparenz in der Politik, damit Investitionen auch überprüft werden können. Und es fehlt an Personal, das den hohen Anforderungen entspricht. Wir müssen auch den Kauf von Wählerstimmen, zum Beispiel im Austausch für Arbeit oder sonstige Vorteile, bekämpfen. Es muss achtgegeben werden auf die Zuverlässigkeit der Abstimmung.

Das klingt alles sehr pessimistisch. Trotzdem setzen Sie sich mit Ihrer Organisation REMPAZ für den Frieden ein. Wie arbeitet REMPAZ?

Wenn wir keine Hoffnung hätten, würden wir nicht am Empowerment für Frauen und Jugendliche arbeiten, damit sie sich individuell und kollektiv stärken können. Wir machen ein integrales Projekt zur psychosozialen Schulung, das sich an Multiplikatorinnen 18 verschiedener Frauenorganisationen richtet, die in einem Netzwerk arbeiten. Es gibt auch ein Mediations- und Friedenstraining für Frauen, um bei Konflikten vermitteln zu können. Es ist sehr wichtig, dass Frauen am politischen Geschehen teilnehmen, wie zum Beispiel bei den Runden Tischen der Bürgerkriegsopfer. 

Wir sehen erste zarte Pflänzchen des Friedens, zum Beispiel beim Thema Frauen in Führungspositionen – eine Frucht der Tatsache, dass starke Frauen schon jetzt in öffentlichen Räumen präsent sind. 

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